Neue Platten: The Bug – „Angels & Devils“

Cover des Albums Angels & Devils von The BugThe Bug – „Angels & Devils“ (Ninja Tune)

8,8

Konzerte von The Bug sind lebensverändernd. Ein Gewitter aus Noise, Beats und Subbässen, die sich wie Peitschen in den Gehörgang schneiden, den eigenen Körper durchdringen und ihn ganz langsam umprogrammieren. Die akustische Überwältigung als Erinnerung daran, dass der Mensch nichts anderes ist als ein lebendiger Resonanzkörper.

Das 2008 erschienene Album „London Zoo“ war eines der intensivsten, lautesten Alben der Nullerjahre und die perfekte akustische Reflektion einer zunehmend von Paranoia, Reizüberflutung und Angst geprägten Gesellschaft.

Das neue Album „Angels & Devils“ zeigt, dass Kevin Martin auch nach seinem Umzug von London nach Berlin von seiner Grundprämisse nicht abgewichen ist: dass Musik nicht nur ein Klang-, sondern vor allem ein Körpererlebnis sein muss. Doch im Gegensatz zu „London Zoo“ enthalten die Tracks wesentlich mehr Raum für traumwandlerische Melodien, verletzlichen Gesang und melancholische Klanglandschaften – und sind dabei aber stets gebrochen vom bedrohlichen Grundrauschen, von dem The Bugs Musik seit jeher beherrscht wird. Nie klang weißes Rauschen schöner als auf „Ascension“, selten klingt Leere so voll wie in „Void“, auf dem sich die verhallte Stimme der Grouper-Sängerin Liz Harris wie Balsam um einen dubsteppigen Beat legt.

Mit „Save Me“ gelingt dem Briten eine von sämtlichem Ballast befreite Dub-Hymne, auf der überdimensionale Hallräume auf den psychedelischen Gesang des kalifornischen Exzentrikers Gonjasufi treffen – perfekt für enge U-Bahnen oder dichten Autoverkehr. Dass unmittelbar nachfolgende „The One“, ein zwischen Lärm und Breakbeat pendelnder Track, auf dem Killa P und Flowdan testosterongeschwängerte Wortsalven in die Luft schießen, ist einer dieser schönen Kontraste, die sich durch das ganze Werk ziehen. Der Track „Fuck You“ mit Warrior Queen, die das Wort mit beherzter Verve „phoak ju!“ intoniert, kommt dem musikgewordenen Actionpainting der früheren Alben von The Bug wohl am nächsten.

Ob ohrenbetäubend oder schmeichelnd, ob wütend oder erschöpft, über allem schwebt aber stets der Geist des Dub, der für Martin seit jeher mehr ist als nur ein Musikstil: „Dub geht weit über Musik hinaus, es ist eine Sicht auf die Welt, ein Äquivalent zu William S. Burroughs’ Cut-Ups und Jean-Luc Godards Zelluloid-Filmen.“ Dub, so Martin, zeigt auf, wie fragmentiert, chaotisch und kaputt unsere moderne Existenz ist. Nichts anderes leistet „Angels & Devils“, nur mit mehr Lametta.

Label: Ninja Tune | Kaufen

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