CEL – „Gegenwelt“ (Rezension)

Cover des Albums „Gegenwelt“ von CEL

CEL – „Gegenwelt“ (Bureau B)

7,2

Felix Kubin ist nicht von dieser Welt. Der Hamburger Komponist und Experimentalkünstler inszeniert sich auf Fotos, Albencovern oder Videos gerne als außerirdisches Wesen, Robotermensch oder Astronaut der fremde Planeten erkundet. Zusammen mit dem polnischen Perkussionisten Hubert Zemler bildet Kubin seit 2019 das Duo CEL (polnisch für „Ziel“), das nun mit „Gegenwelt“ sein zweites Album veröffentlicht hat.

Die neue LP versucht, „die Verbindung zwischen zwei Strömungen deutscher Underground-Sounds zu erforschen, den Motorik-4/4-Rhythmen […] und den sequenzergesteuerten Brain Loops der frühen, experimentellen Pioniere der NDW“, heißt es in der Beigabe des Labels Bureau B. Hörbar wird diese Suche in den hart geschlagenen Motorik-Beats, die das Album prägen. Sie fußen auf einem speziellen Krautrock-4/4-Takt, den der Schlagzeuger Klaus Dinger mit den Bands Neu! und Kraftwerk ab den 70ern populär gemacht hat. Die Verknüpfung dessen mit der Neuen Deutschen Welle (NDW) ist nicht nur rhythmischer Art, sie entsteht auch aus der musikalischen Biografie Felix Kubins heraus. Schon im Kindesalter machte und komponierte Kubin eigene Musik, ab den frühen 1980er-Jahren stets im Dunstkreis der NDW. Einflüsse des Genres lassen sich seitdem in seinen Bandaktivitäten sowie seiner Arbeit als Solo-Klangkünstler erkennen.

Aus einer anderen Welt

In „Gegenwelt“ zitiert Hubert Zemler die sogenannte „lange Gerade“ von Klaus Dinger. Bei der spielte der Schlagzeuger sein Instrument fest strukturiert, als wäre es ein Drumcomputer, ergänzt um ein paar Abzweigungen hier und da. Der in Warschau an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik klassisch ausgebildete Schlagzeuger kommt aus der improvisierten Musik. Seine Kompetenzen im Free-Jazz werden schon im Eröffnungstrack „Tokamak“ deutlich: Inmitten des spacigen „Grusel-Soundtracks“ platzt Zemlers Marimba-Solo hinein. Durch seine gelenkige Energie schichten sich die handgespielten Instrumente eindrucksvoll über das elektronische Schlagzeug.

Die Verbindung von analogen und digital-generierten Klängen ist auch Grundlage einer neuen Erfindung von Felix Kubin. Das Mechatronikon, ein Instrument gebaut vom Hamburger Ingenieur Lars Vaupel, erklingt in „Gegenwelt“ zum ersten Mal. Es basiert auf den Funktionsweisen des Trautonium, dem ersten elektronischen Musikinstrument. Es kann mechanische und elektrische Impulse empfangen. Als Interface steuert es von diesen Impulsen ausgehend Mini-Motoren an. Damit entstehen Polyrhythmen, die kein Schlagzeuger so präzise spielen könnte. In „Trippeltanz“ stellt das Mechatronikon fast solistisch seine Fähigkeiten unter Beweis.

Das acht Tracks umfassende Album beinhaltet viele solcher Rhythmusfeuerwerke. In den düsteren Melodien des Titelsongs „Gegenwelt“ oder den treibenden Bässen von „Geometrischer Glanz“ jedoch schwingt ein anderes, hypnotisches Element mit. Insbesondere der letzte und längste Track „Transformator Matki Polki“ schließt an vergangene Raummusik-Experimente wie das „Poème électronique“ (1958) von Edgar Varèse und Iannis Xenakis an.
In dieser Reduktion gibt die Musik eine Fläche zum Nachdenken frei. Dieser Freiraum ist auch notwendig, denn in welcher Sprache die beiden Raumfahrer aus einer anderen Welt in ihren rhythmisch komplexen Experimenten zu uns sprechen, das ist nur für wenige möglich zu entschlüsseln.

Veröffentlichung: 21. April 2023
Label: Bureau B

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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