Ryuichi Sakamoto – „Async“ (Rezension)

Cover des Albums Ryuichi Sakamoto – „Async“ (Milan)

Veröffentlicht: 23. April 2017
Web: www.sitesakamoto.com
Label: Milan

8,5

Mit seinem neuen Album „Async“ veröffentlicht Ryuichi Sakamoto eine Form der musikalischen Introspektion. Nachdem 2014 bei dem japanischen Komponisten Krebs diagnostiziert wurde, musste er eine Auszeit vom Produzieren nehmen. Er brach sämtliche Projekte ab und zog sich zurück. Ein Jahr später, nach einer Chemotherapie, sagte er in einem Interview mit dem Rolling Stone, dass es ihm zwar gut gehe, aber er befürchte, dass der Krebs in den nächsten drei, fünf oder zehn Jahren zurückkommen könnte.

„Async“ ist Sakamotos erstes Soloalbum seit acht Jahren, er verzichtete bewusst auf eine Kollaboration. Das Album beginnt mit „Andata“, einem spirituellen, fast schon theatralischen Song. Eine Klaviermelodie wird von einer Orgel unterbrochen, die ein Beerdigungsthema umspielt. Der Bezug zu europäischer Kirchenmusik ist sicherlich kein Zufall, „Async“ startet bewusst mit einer sehr direkten Metapher. Umspült wird die akustische Instrumentierung mit zahlreichen Ambient-Geräuschen, White Noise und einer im Raum schwebenden Synthesizerlinie.

Auch im weiteren Verlauf des Albums hält Sakamoto an dem introspektiven und düster bis melancholischen Thema fest. Für „Solari“ lässt er einen trompetenartigen Synthesizer Raum für eine bedrückende Melodie. Mit sehr wenigen Mitteln erreicht Sakamoto es, eine bedrückende Stimmung zu erzeugen. In „Zure“ geht er dafür sogar noch einen Schritt weiter und lässt einzelne Stabs des Synthesizers mit viel Hall allein im Raum stehen. Nur ein leichtes Klicken unterbricht ansonsten die angedeuteten Winde im Hintergrund des Songs. Es erzeugt so ein Gefühl der Einsamkeit, der Orientierungslosigkeit. Sakamoto lässt seine Hörerinnen und Hörer in dieser akustisch kargen Landschaft stehen, überlässt sie ihrem Schicksal.

Deutet man „Async“ als eine Auseinandersetzung eines Krebskranken mit seiner Erkrankung, bekommen auch die Titel der Stücke eine immense Bedeutung. Sie heißen zum Beispiel „Life, Life“ oder „Walker“. Lässt man sich in die Klangwelt von „Async“ hineinfallen, wird klar, dass „Async“ ein Album von Ryuichi Sakamoto für Ryuichi Sakamoto ist. Der Japaner vermittelt ein diffuses Bild, er regt mit abstrakten Klängen Emotionen an, verzichtet aber größtenteils auf Worte. In „Life, Life“ spricht eine ruhige Stimme in fast schon meditativer Art über Träume sowie das Leben: „No need for a date, I was, I am and I will be. Life is a wonder of wonders. And to wonders I dedicate myself to my knees like an orphan.” Mehr Text benötigt man eigentlich nicht, um zu verstehen, dass dieses Album eine Form der Genesung für Sakamoto ist. Ein Langspieler, auf dem er mit einer lebensbedrohlichen Situation, der er ausgeliefert war, umgeht.

Das bedeutet nicht, dass „Async“ ein verschlossenes oder unverständliches Werk ist. Es ist beeindruckend, wie es Sakamoto gelingt, mit minimalistischen Mitteln beklemmende Situationen zu erzeugen, die seine Erkrankung spiegeln. Das Album benötigt trotz weniger Instrumente und Klänge große Aufmerksamkeit. Schenkt man „Async“ diese, gelingt es der Platte, eine Geschichte zu erzählen, die mitreißender ist als manch ein Film.

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