World Brain – „Peer 2 Peer“ (Rezension)

Cover des Albums „Peer 2 Peer“ von World Brain

World Brain – „Peer 2 Peer“ (Mansions And Millions)

7,7

In den 90er-Jahren war das Internet noch ein unschuldiger, fast schon magischer Ort. Das vorherrschende Betriebssystem hieß Windows 95. Beim Anschalten wurde man von freundlichen „Ding“-Sounds begrüßt – minimalistisch und dennoch futuristisch. Eine global vernetzte Welt war zwar schon möglich, aber fühlte sich dennoch utopisch an. Das ist alles gar nicht so lange her, dennoch fällt es leicht, nostalgisch zu werden.

Lucas Ufo ist so ein Nostalgiker. Oder auf jeden Fall ein Mensch, der gerne über das Internet nachdenkt. Nach eigener Aussage ist eines seiner liebsten Hobbys, dem Wi-Fi zuzuschauen, wie es durchs Fenster in die Wohnung schwebt. Apropos: Der gebürtige Franzose spielt hauptberuflich in der Berliner Dream-Pop-Formation Fenster Keyboard. Für sein Solo-Projekt World Brain versetzt er sich in die Frühphase des World Wide Web zurück. Die Zeit, als das Internet noch nach Utopie schmeckte. Allein der Titel seines Solodebüts spricht Bände: „Peer 2 Peer“, die Bezeichnung für ein Netzwerk, in dem mehrere Computer direkt miteinander verbunden sind – gleichberechtigt, auf einer metaphorischen Augenhöhe.

Der Computer beginnt zu swingen

Auf „Peer 2 Peer“ bringt Ufo diese Einsen-und-Nullen-Utopie zum Tanzen. Die Vorab-Single „Network“ ist ein irrwitziges Instrumental, angetrieben von Haken schlagenden Gitarren-Riffs, immer wieder verklärt von blubbernden Videospiel-Sounds. Die Casio-Keyboard-Klänge von „Made U Cry“ ergänzen sich ideal mit der allgegenwärtigen Nostalgie. „Bubble Tea“ ist verschmitzt groovender Weird-Pop, irgendwo zwischen Wham! und John Maus. Und plötzlich beginnt der Computer zu swingen.

Wie so oft ist leider auch auf diesem Album Nostalgie ein eindimensionaler Spaß. Sucht man in „Peer 2 Peer“ nach anderen Inhalten, wird man enttäuscht – dafür ist die Oberfläche zu ironisch verklärt. Und trotzdem fällt es schwer, sich dieser mühelos charmanten Utopie-Party zu entziehen. Denn wenn inmitten der Minimal-Funk-Exkursion „It‘s All True“ tatsächlich das altbekannte Windows-95-„Ding“ ertönt, geht einem doch irgendwie das Herz auf.

Veröffentlichung: 12. April 2019
Label: Mansions and Millions

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