Σtella – „Up And Away“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Up And Away“ von Σtella, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Σtella – „Up And Away“ (Sub Pop Records)

Am 24. Juli 1895 wird in Newark, New Jersey, ein Mädchen namens Laura Mae Cribb geboren. Ihr Vater John Hatfield Cribb, ein gebürtiger Brite, steigt gemeinsam mit ihr etwa 17 Jahre später in Southampton auf ein Schiff. Wohlhabend ist die Familie nicht, das Geld reicht nur für zwei Tickets in der dritten Klasse. Das Ziel ist New York, die Sicherheitsprognose für die Überfahrt lautet „unsinkbar“ und der Name des Schiffs ist RMS Titanic. Das Ende der Geschichte sollte bekannt sein: In der Nacht zum 15. April 1912 kollidiert der Passagierdampfer mit einem Eisberg. Die Titanic sinkt. John Hatfield Cribb bringt seine Tochter auf ein Rettungsboot, er selbst verspricht, nachzukommen – Frauen und Kinder zuerst. Laura Mae überlebt. Ihr Vater ertrinkt gemeinsam mit der Titanic.

Über 100 Jahre nach dem legendären Schiffsunglück singt die Musikerin Σtella über eben jene Laura Mae. Der Song heißt „Titanic“ und befindet sich auf „Up And Away“, dem vierten Album der griechischen Künstlerin. „Made it to the shore like a champion / For once in my life“, heißt es da. „Looking for my mom and my papa / But they’re nowhere in sight“ – bevor sie die Namen von zahlreichen Überlebenden auflistet. Solch ein dramatisches Thema braucht angemessen dramatische Begleitmusik, würde man meinen. Doch in diesen Kategorien denkt Σtella nicht. Die Vibes von „Titanic“ sind durchweg zurückgelehnt, vom catchy Synthesizer-Pfeifen bis zur freundlich tänzelnden Bassline.

Echos der Vergangenheit

Laura Mae ist nicht das einzige Echo der Vergangenheit, das durch „Up And Away“ hallt. Musikalisch vereint die Σtella auf ihrem Sub-Pop-Debüt die Pop- und Folk-Musik ihrer Heimat mit zeitgenössischen Indie-Pop- und R&B-Vibes. Was Khruangbin mit dem Thai-Funk gemacht haben, machen Σtella und ihr Produzent Redinho mit der Musik von Künstler*innen wie Tzeni Vanou oder Nikos Gounaris. Traditionelle Instrumente wie Bouzouki (eine griechische Variante der Mandoline) oder Kanun (eine im arabischen Raum erfundene Zither) sind auf dem Album omnipräsente Begleiter. Sie versehen Σtellas leichtfüßig groovenden Indie-Pop mit einem nostalgischen Rahmen. So erklingen Songs wie der Disco-Throwback „Up And Away“ plötzlich tiefer, sehnsüchtiger – ohne dabei den verspielten Bounce zu verlieren.

Der das Album abschließende Song „Is It Over“ beschreibt in unsicheren Worten den schleichenden Tod einer Liebe, zählt aber musikalisch wohl zu den entspanntesten Break-up-Songs der Pop-Musik. Das ist eine der Spezialitäten von Σtella: komplexe Emotionalität in tiefenentspannte Musik zu verwandeln. Das kann ein verhältnismäßig „schlichtes“ Ende einer Beziehung sein oder eine historische Katastrophe wie der Untergang der Titanic.

Veröffentlichung: 17. Juni 2022
Label: Sub Pop Records

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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