
Adrian Quesada – „Boleros Psicodélicos II“ (ATO Records)
Damm-da-damm-da-damm. Ein sanftes Ziehen und wieder Loslassen. So lässt sich der grundlegende Rhythmus des Bolero bezeichnen. Ein irgendwie dramatisches und doch zartes Hin und Her. Viele sind diesem Puls verfallen: Die „Bloomsbury Encyclopedia Of Popular Music Of The World“ bezeichnet den Bolero als das „essenzielle lateinamerikanische Liebeslied des 20. Jahrhunderts“.
Auch Adrian Quesada ist von dieser Musik fasziniert, seitdem er vor 25 Jahren zum ersten Mal ihren balladesken Klang im Radio gehört hat. Bolero war von Anfang an großer Einfluss auf die Songs des mexikanisch-US-amerikanischen Songwriters, Produzenten und Gitarristen – ob in seiner Zeit beim Latin-Funk-Kollektiv Grupo Fantasma oder im Garage- und Psych-Rock-Cocktail seiner Grammy-prämierten Hauptband Black Pumas.
Seine Liebe zum Genre gipfelte 2022 in seinem Soloalbum „Boleros Psicodélicos“, auf dem er auf Albumlänge diesem nostalgischen Sound Tribut zollte. Für Quesada war dies eine sehr persönliche Angelegenheit, ohne große kommerzielle Ambition. Ein schönes, erfüllendes Projekt zwischen Black-Pumas-LPs und Oscar-nominierten Soundtracks. Doch er hatte seine Rechnung ohne den nach wie vor betörenden Puls des Boleros gemacht – denn auch „Boleros Psicodélicos“ wurde ein großer Erfolg. Schnell kamen Fragen nach einem Nachfolger auf, der nun im Form von „Boleros Psicodélicos II“ vorliegt.
Generationsübergreifender Tribut
Quesada war dabei sehr wichtig, nicht einfach die Formel des Vorgängers zu wiederholen. War Teil eins noch zu Zeiten der Corona-Isolation quasi im Alleingang aufgenommen worden, lag bei „Boleros Psicodélicos II“ der Fokus auf Zusammenarbeit. Fast jeder Song kann prominente aktuelle Latin-Pop-Features aufweisen. Bemerkenswert ist bei dieser doch sehr nostalgischen Angelegenheit, das ein Großteil der Gast-Musiker*innen erst um die Jahrtausendwende geboren wurde: Der kalifornische Gen-Z-Bossa-Nova-König Cuco eröffnet die LP mit dem nostalgisch schwelgenden Herzschmerz von „Ojos Secos“, während der mexikanische TikTok-Star Ed Maverick das schleichend groovende „Afuera“ singt. Nicht nur Generationen-, sondern auch Genre-Grenzen werden durchbrochen – wie im bläserlastigen „Bravo“, das von iLe von der purto-ricanischen HipHop-Gruppe Calle 13 angeführt wird. Oder wenn in „Primos“ die Cumbia-Gitarren-Magie des schweizerisch-ecuadorianischen Duos Hermanos Gutiérrez auf Quesadas Bolero trifft.
Der andere neue Faktor auf „Boleros Psicodélicos II“ ist die Vielseitigkeit von Produzent Alex Goose, der schon mit solch unterschiedlichen Acts wie Pip Millett, Childish Gambino, Brockhampton oder Weezer zusammengearbeitet hat. Quesada und sein neuer Partner transformieren ihr Genre hier viel stärker als beim Vorgänger, mit Drumbreaks aus dem Hop-Sampler („No Juego“) und fuzzig quakenden E-Gitarren („Tu Poder“) – und lassen dabei trotzdem die inhärente, wunderbar kitschige Dramatik des Genres intakt.
Veröffentlichung: 27. Juni 2025
Label: ATO Records
