Altin Gün – „Garip“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 23. Februar 2026

Altin Gün – „Garip“ (Glitterbeat Records)

Im Jahr 2000 berichtete der türkische Fernsehsender TRT, dass Neşet Ertaş gestorben sei. Allerdings: Der Sänger und Songwriter war noch gar nicht tot. Ertaş, geboren im Jahr 1938 im Dorf Kırtıllar, war in den 60er- und 70er-Jahren einer der populärsten Folk-Poeten seines Landes. Eine lähmende Krankheit in seinen Fingern zwang ihn 1978 zu einem Karrierewechsel: Ertaş zog als Gastarbeiter nach Deutschland und betrieb einen Musikladen in Berlin-Schöneberg. Seine Songs blieben in seiner Heimat populär, doch das Gesicht zur Musik war verschwunden. Doch als das Staatsradio zur Jahrtausendwende plötzlich Nachrufe auf ihn sendete, kehrte er wutentbrannt in die Türkei zurück – und spielte einige der größten Konzerte seiner Karriere. 2012 starb er dann tatsächlich im Alter von 74 Jahren, als mit Ehrenmedaillen ausgezeichneter Volksheld.

Die Moral dieser Geschichte ist nicht nur, dass das Überprüfen von Quellen die größte journalistische Pflicht ist, sondern auch: Neşet Ertaş sollte man nie zu früh für tot erklären. Das zeigt auch „Garip“, das neue von Altin Gün. Die niederländisch-türkische Band interpretierte schon in der Vergangenheit Stücke von Ertaş: auf ihrer 2021er LP „Yol“ verwandelten sie etwa sein herzzerreißendes Volkslied „Kesik Çayır“ in eine groovy Disco-Funk-Nummer. Auf ihrer sechsten LP spielen sie nun ausschließlich Kompositionen aus Ertaş’ Feder. Erdinç Ecevit Yıldız, Sänger und Bağlama-Spieler von Altin Gün, erinnert sich, bereits als fünfjähriger Junge seine Kassetten gehört zu haben: „Ich war zu jung, um die Texte und ihre tiefere Bedeutung zu verstehen, aber die Melodien verzauberten mich.“

Bedrohlich, ein bisschen schleppend

Ertaş’ Lieder waren oft von einer tiefen Melancholie durchzogen. Dementsprechend handelt es sich bei „Garip“ um das bis dato düsterste Altin-Gün-Album, speziell im Kontrast zu den synthesizerlastigen Disco-Tracks der Vorgänger. Schon der Titel bedeutet sowohl „seltsam“ als auch „einsam“ oder „verlassen“ – und genau in diesem Modus beginnt die LP: Altin Gün klangen nie so sehr nach Post-Punk wie in „Neredesin Sen“. Ein Song, in dem chromatische Surf-Gitarren und klimpernde Bağlama-Figuren wie Geier um den pumpenden Bass kreisen. Im anschließenden „Gönül Daği“ bringen die Streicher des Stockholm Studio Orchestras dramatische Italo-Western-Vibes in den Altin-Gün-Kosmos.

Die auf „Yol“ noch so flott klingenden Synths klingen in „Bir Nazar Eyledim“ wehmütig, ein perfektes Bett für Yıldız’ gefühlvolle Gesangs-Interpretation von Ertaş’ Zeilen. Als weiterer Ausreißer sticht „Gel Kaçma Gel“ hervor, ein Hybridwesen aus anatolischem Folk und West-Coast-Pop. Lieder wie „Öldürme Beni“ und „Benim Yarim“ benutzen hingegen allesamt die Elemente, die man von dieser Band kennt (Anadolu-Rock-Riffs, präzise Grooves der Rhythmusgruppe), doch die Stimmung ist anders: bedrohlich, ein bisschen schleppend. Und immer mit einem klaren Fokus auf die unsterblich vitalen Melodien von Neşet Ertaş, die hier in einem ganz neuen, betörend seltsamen Glanz erscheinen.

Veröffentlichung: 20. Februar 2026
Label: Glitterbeat Records

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert