Gena Rose Bruce – „Can‘t Make You Love Me“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Can‘t Make You Love Me“ der australischen Musikerin Gena Rose Bruce

Gena Rose Bruce – „Can‘t Make You Love Me“ (Dot Dash Recordings)

1970 hatte Sibylle Baier eine schwere Zeit. Die Teenagerin litt unter Depressionen, aus denen sie er erst ein Roadtrip durch die Alpen mit einer besten Freundin ziehen konnte. Als Baier wieder zu Hause in Stuttgart ankam, schrieb sie ihren ersten Song, ein lebensbejahendes Folk-Stück namens „Remember The Day“. „Did you ever drive in a moonstruck constitution? / And find to reach a seaport and down there is a solution / You should If you could“, sang sie in ihren Kassettenrekorder. Weitere Songs folgten. Vier Jahre später feierte sie in Wim Wenders‘ Film „Alice in den Städten“ ihr Leinwanddebüt, nur um wenig später die gerade beginnende Karriere an den Nagel zu hängen, um sich auf ihre Familie zu konzentrieren – bis ihr Sohn in den Nullerjahren ihre Musik wieder ans Tageslicht brachte.

47 Jahre nach Baiers Depression machte auch Gena Rose Bruce eine harte Zeit durch. Die australische Musikerin steckte laut eigener Aussage tief in einer dysfunktionalen Beziehung, aus der sie sich erst im Dezember 2017 befreien konnte. Zur gleichen Zeit begann sie die Arbeit an ihrem Debütalbum „Can‘t Make You Love Me“ – für das sie sich stark von Baiers Selbstermächtigungsmusik beeinflussen ließ. Bruce reiste zwar nicht durch die Alpen, um sich selbst zu finden – glaubt man ihrem Song „Logan‘s Beach“, dann fand sie ihre Erlösung am namensgebenden Strand im Südwesten ihres Heimatlandes. „I know I took my time / But I‘m headed to the shore / And I‘m taking back what‘s mine“, singt sie dort – und es wirkt, als würde man mit vier Jahrzehnten Verzögerung ein alpines Echo von Baiers Befreiungsmusik hören.

Von den Alpen schallt es nach Australien

Während Baier ihre Songs nur mit gezupfter Gitarre und Stimme arrangierte, steckt Bruce ihre Musik in ein deutlich bunteres Gewand: Im Opener „The Way You Make Love“ erinnert sie sich bittersüß an die besten vergangenen Zeiten zurück, während der Bass sexy tanzt und die Gitarre in bester Blues-Manier Staub aufwirbelt. Durch „Angel Face“ pulsiert ein staubtrockener Synthesizer. „I Don‘t Think I‘ll Ever Get Over“ ist eine Angel-Olsen-Ballade in Zeitlupe. „I Can‘t Be That Easy“ wirkt mit seinem Be-My-Baby-Beat und Bar-Pianos wie aus der Zeit gefallen. Dabei ist all diese Musik nur schmückendes Beiwerk für Bruces Stimme, mal sehnsüchtig säuselnd, mal finster flüsternd, immer einen Schritt voraus. „Can‘t Make You Love Me“ ist ein Album, dass nur jemand schreiben konnte, der tief verletzt wurde. Und genauso sehr weiß, wie man den Schmerz in befreiende Kunst verwandeln kann.

Veröffentlichung: 28. Juni 2019
Label: Dot Dash Recordings

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.