Massive Attack – „Mezzanine“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Mezzanine“ von Massive Attack

Massive Attack – „Mezzanine“ (Circa)

Während sich das Jahr 2018 dem Ende entgegen neigt und traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die in 2018 ein Jubiläum feiern. Den Anfang macht „Mezzanine“ von Massive Attack, das am 20. April 2018 20 Jahre alt geworden ist.

Die Musik von Massive Attack war von Anfang an düster. Auf ihrem Debüt „Blue Lines“ riss die Band die Grenzen zwischen HipHop, Dub, Alternative, Electronica und Soul ein – und erfand dabei en passant den TripHop, die melancholische, sinnliche Nacht-Musik, die den Sound ihrer Heimat Bristol von diesem Moment an definierte. Die Beats waren langsam und der Bass tief, während das Gerappe von Robert „3D“ Del Naja und die Stimmen der zahlreichen GastsängerInnen wie dichte Nebelschwaden um die Instrumentals waberten. Auch der Nachfolger „Protection“ war von einer sexy Düsterkeit durchzogen.

Sie steigerte sich nochmal auf „Mezzanine“, dem dritten Album. Sie beginnt mit dem Cover-Artwork, einer Nahaufnahme eines schwarzen Käfers. Ein ominöser Vorbote für ein ominöses Album. „Mezzanine“ ist für TripHop, was Burials „Untrue“ für Dubstep oder Joy Divisions „Closer“ für den Post-Punk ist: 3D, Grant „Daddy G“ Marshall und Andrew „Mushroom“ Vowles nahmen die finsteren Aspekte ihrer Musik – und trieben sie ins Extreme.

Faszinierende Schönheit in überwältigender Dunkelheit

Trotz ihrer zwanzig Lenzen merkt man diesen Songs ihr Alter nicht an. Diese Dunkelheit ist zeitlos. Dabei hilft auch, dass „Mezzanine“ mit einem wahnsinnig starken Auftakt beginnt: „Angel“ stellt mit scheppernden Drums, einer wie eine Schlange durch den Sumpf kriechenden Bassline und verzerrten Gitarren, die auch aus dem Hause Trent Reznor stammen könnten, den Kurs dieser Platte klar. 3D sprechsingt „Risingson“ mit einem hinterlistigen Flüstern, während Industrial-Klänge und ein fieser Dub-Bass für Unwohlsein sorgen. Das von Cocteau-Twins-Sängerin Elizabeth Fraser mit überwältigender Melancholie vorgetragene „Teardrop“ zieht einen weiter auf den Boden, nur um dann von der unter die Haut gehenden Paranoia von „Inertia Creeps“ wieder auf unfreundliche Art und Weise wachgerüttelt zu werden. Nach diesen vier Fieberträumen bietet das überraschend anschmiegsame Instrumental „Exchange“ eine willkommene Verschnaufpause. Doch kaum hat man sich den Schweiß von der Stirn gewischt, wird man im Refrain von „Dissolved Girl“ von bösartig knirschenden E-Gitarren überrumpelt.

Was sich auf dem Papier wie ein unerträglicher Sensory-Overload liest, entwickelt sich auf „Mezzanine“ zu einem wahren Sog. Gerade in dieser Anfangsstrecke verursacht das Album einen Rausch, den man sonst eher von den atmosphärischen Albtraum-Filmen eines David Lynch kennt. Aber Massive Attack suhlen sich nicht in der Dunkelheit, um zu schockieren. Stattdessen finden sie eine hypnotische, faszinierende Schönheit. Bis heute haben sie nie wieder ein Album gemacht, in dem man sich so intensiv verlieren kann.

Veröffentlichung: 20. April 1998
Label: Circa

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Det
    Dez 16, 2018 Reply

    Hi Christian,
    Dein „The Cure Special“ turnt mich gerade richtig an.Ich muss mir unbedingt The Cure mal wieder näher anhören.
    Die Boy‘s haben schon einen sehr eigenen,coolen Sound drauf.
    Bravo 👍 Tolle Sendung
    Gruß
    Det

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