
Obongjayar – „Paradise Now“ (September Recordings)
Obongjayar ist viele. Das kann schon einmal irritieren. Sogar dann, wenn man mit dem Schaffen des nigerianischen Sängers vertraut ist. Als Steven Umoh mit 17 Jahren ins britische London zu seiner Mutter zog, blieb er der nigerianischen Musikszene treu. Wobei er während seiner Kindheit und Jugend vor allem Raubkopien US-amerikanischer HipHop-Platten hörte. Doch „Home“ (2016), seine erste EP als Obongjayar, klang weder nach HipHop noch nach nigerianischem Pop. Zwar fanden sich diese Einflüsse in „Home“ wieder, aber der Einstand spielte in seiner eigenen Welt. Es war ein schwerer Brocken voller Rhythmen, aber ohne Danceflooransprüche. Eher wirkte es wie eine große, feierliche atmosphärische Erzählung. So etwas erfolgreich als Debüt durchzuziehen, erfordert Selbstvertrauen, Talent und Präsenz. Doch Obongjayar besitzt die nötige Gravitas für einen solchen Anlauf. Sein beeindruckendes Frühwerk brachte ihm die Aufmerksamkeit von Richard Russell ein, für dessen Projekt Everything Is Recorded er ein Feature einsang.
Nun ist dieser Erzähler mit der rauen Stimme und der priesterhaften Autorität nur ein Obongjayar von vielen. So leitete er seine Experimentierfreudigkeit auf seiner EP „Which Way Is Forward?“ (2020) in hook- und beatlastigere, gelegentlich sogar tanzbare Bahnen. Damit erklomm er nicht nur ein neues kreatives Niveau, er offenbarte auch eine poppigere Seite. Nicht zu verwechseln ist dieser Obongjayar jedoch mit dem Pop-Obongjayar. Der trat 2021 ins Rampenlicht, als Umoh und der nigerianische Produzent Sarz mit „Sweetness“ eine EP zwischen Afrobeats und 80s-R&B herausbrachten. Derselbe Pop-Obongjayar lieferte im selben Jahr die Hookline zu Little Simz‘ Song „Point And Kill“. Ein Jahr später gehörte mit „Tinko Tinko (Don’t Play Me For A Fool)“ ein souliger Afropop-Experimental-Club-Popsong, zu den Singles seines Debütalbums. Ebenfalls dieser Obongjayar dominierte nach der ersten LP mit riesengroßen Popsongs wie „Just Cool“ oder „Just My Luck“. Dazwischen gab es immer wieder auch den aufgedrehten Obongjayar, der mit treibenden Rhythmen und rauen Sounds hantierte.
Pop-Regisseur
Bei den tollen Singles eines Künstlers, der zuletzt perkussive Rhythmen, Stadion-Rock-Gitarren und das große Pop-Parkett in sich vereinte, konnte man eine Inkarnation fast aus dem Gedächtnis verlieren. Das ist der Album-Obongjayar. Der ist nämlich nicht die Single-Rampensau, sondern ein Regisseur mit Sinn für große, langsame Spannungsbögen. Erstmals stellte das 2022 das Debütalbum „Some Nights I Dream Of Doors“ unter Beweis. Mit Bläsern, Streichern und Elektronik durchwanderte dessen Opener „Try“ in den ersten anderthalb Minuten ganze Landschaften. Von der Elektro-Atmo zur zarten Soul-Ballade, die zum cinematisch-perkussiven Rap-Track morphte und im Pop-Refrain mündete. Gefolgt von einem skelettalen Afro-Club-Brecher. Und so ging es weiter. Als Regisseur dirigiert Obongjayar alle anderen Obongjayars. Und nutzt sie nun für seine zweite große Erzählung.
Normalerweise platziert man die größten Hits eines Albums an den ersten beiden Positionen der Trackliste. Traditionell, damit ungeduldige Kundschaft die LP beim Durchskippen für gut befindet und kauft. Mittlerweile auch, damit man beim Streamen hängenbleibt. Wer Hits will, kauft oder streamt am besten die Singles. Bis zu den Hits bleibt man mit geringer Aufmerksamkeitsspanne eh nicht dran, denn die kommen erst ganz spät. Unser Album der Woche benimmt sich eher wie ein abendfüllender Autorenfilm erster Kajüte. Auch klanglich hat der Opener „It’s Time“ etwas Soundtrackhaftes. Als Protagonist wird uns ein verletzlicher, souliger Obongjayar vorgestellt, dessen Stimme Steine erweichen könnte, wenn er unzusammenhängende Silben sänge. Das folgende „Life Ahead“ hat zwar im Refrain genuines Chart-Potenzial, gibt aber ansonsten künstlerischer Formgebung den Vorrang. Vermutlich trauert das Management den „verschenkten“ Millionen nach, aber wir können uns am Mehrwert von Wagnis und künstlerischer Integrität erfreuen.
Pop-Hooks, Krawall-Punk und der Hollywood-Moment
In „Piece In Your Heart“ ziehen sich erstmals die Pop-Hooks über die gesamte Songspielzeit. Kein Hit, der uns anspringt, aber ein Hit. Von synkopiertem Beat und einzelnen Tastenakkorden getragen, bereitet das Instrumental Obongjayar die Bühne, der dieser kargen Landschaft Seele und Sehnsucht einhaucht. Daran knüpft „Holy Mountain“ an, das alle westafrikanischen Pop-Register zieht. Oder zumindest viele davon, von Highlife-Gitarren bis zum Dancefloor-Beat, über dem der Sänger wieder einmal besonders souligen Schmelz ausbreitet. Wohlgemerkt sind diese Songs zwar Hits, aber nicht im Sinne des Breitwandformats, das uns noch erwartet. Als nächstes harrt eher ein Banger als ein Hit. Aufgenommen mit Carlos O’Connell (Fontaines D.C.) und Kwes Darko, rechnet „Jellyfish“ mit der britischen Regierung ab. Doch so politisch Umoh als Mensch ist, möchte er die Message im Dienste der Kunst sehen: „Zu sagen, was man fühlt, sollte nicht auf Kosten der Musik gehen. Wenn Du mit dem Holzhammer eine Botschaft unterbringst, inszenierst Du Dich selbst und wirst überheblich. Wenn Du die Leute anschreist, schert das niemanden.“
Weniger rabiat, aber immer noch perkussiv und kompromisslos ist „Talk Olympics“ (feat. Little Simz). Noch zwei weitere anschmiegsame Songs lang führt Obongjayar uns weite, wunderschöne musikalische Landschaften vor. Erst dann, mit dem neunten Stück „Sweet Danger“, geht es an die großen Hits. Sowohl vom Groove als auch vom Popfaktor her erinnert der Song an „Point And Kill“. Anschließend findet „Not In Surrender“ die perfekte Balance zwischen Punk-Rohheit und Dancefloor-Pop. Danach treten auf: der ungezügelt-krawalllustige Obongjayar, der bluesige und der empfindsame. Kurz vor Schluss gipfelt das Album im hymnischen Hit „Just My Luck“. In der Film-Analogie wäre das dann Obongjayars Hollywood-Moment, ein Popcorn-und-Riesen-Cola-mit-zu-vielen-Eiswürfeln-Meisterwerk. Fantastisch. Was soll danach noch kommen außer dem Abspann? Wer keine Manieren und keinen Sinn fürs Detail hat, springt auf, verlässt über die Knie der Sitzenbleibenden fluchtartig den Kinosaal und ist glücklich. Wer bleibt, wird belohnt und in den Arm genommen von einem Obongjayar der uns versteht und mit einem besinnlichen Moment den Übergang in die Realität erleichtert.
Veröffentlichung: 30. Mai 2025
Label: September Recordings
