
Rosie Lowe – „Lover, Other“ (Blue Flowers)
„Lover, Other“, das neue Album von Rosie Lowe, beginnt mit einem Sonnenuntergang. „I hope you have found your way to peace there“, singt sie zu Beginn im Chor mit sich selbst. Ihre Stimmen sind a cappella, in enger Harmonie einander umschmeichelnd. Dieser Opener namens „Sundown“ ist nur 38 Sekunden lang, doch zeigt in dieser Kürze den gesamten emotionalen Horizont der vierten LP der britischen Musikerin. Es ist ein hinreißendes Album über die Suche nach innerem Frieden geworden.
„Hinreißend“ war die Musik von Rosie Lowe schon immer. Ihr Debüt „Control“ aus dem Jahr 2016 etablierte sie als eine der markantesten Stimmen des modernen UK-Soul – eine Position, die sie sowohl auf dem Nachfolger „YU“ (2019) als auch in ihren Singles mit Szene-Größen wie Little Simz oder Gotts Street Park weiter festigte. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr auch auch ihre 2021er Zusammenarbeit „Son“ mit dem Pianisten und Produzenten Duval Timothy, deren ätherischer Sound den Weg für den Klang ihres aktuellen Albums vorgab. Doch, im Vergleich zu den Vorgängern, ist „Lover, Other“ Lowes erste komplette Eigenproduktion.
Hinreißendes Knarzen und Rauschen
Mit Leichtigkeit balanciert Lowe zwischen verschiedenen Genres, allesamt vereint durch ihre dichten Harmonien und ihr Gespür für leicht aus dem Rahmen fallende Arrangements. So ist „Mood To Make Love To“, der erste „richtige“ Song des Albums, ultraminimalistischer Neo-Soul. Eine einzelne Hi-Hat bildet den Beat, während der Bass die gesamte Zeit die gleichen Kreise zieht. Direkt im Anschluss folgt eine Kehrtwende namens „In My Head“, mit verzerrtem Funk aus der D’Angelo-Schule. „Never mind if you don’t like this side of me / I’ll be it anyway“, singt Lowe mit ansteckendem Selbstbewusstsein. „Bezerk“ zeigt mit seinen dröhnenden 808-Beats eine weitere Facette, irgendwo zwischen Trap und Old-School-HipHop.
Der vielfältige Sound entspricht dem Entstehungsprozess von „Lover, Other“: Lowe nahm dieses Album mit tragbarem Equipment an verschiedenen Orten und Ländern auf, in Berlin, Florenz, Barcelona und ihrer Heimat Devon. Eine dementsprechende, leichte Lo-Fi-Roughness zieht sich durch die 15 Songs sowie deutlich hörbares Atmen, das bei anderen Acts wahrscheinlich rausgeschnitten worden wären. Roh geschnittene, leicht über sich selbst stolpernde Samples. Songs wie „In The Morning“ knarzen und rauschen – und wirken dadurch umso lebendiger. Die Groove-Tracks knistern elektrisch, die Balladen bekommen einen besonderen Glanz.
Diese Reise endet dort, wo sie angefangen hat: Denn „Lover, Other“ beginnt nicht nur, sondern schließt auch wieder mit einem Sonnenuntergang. Lowe wiederholt in „Sundown (Reprise)“ die das Album einleitenden Zeilen. Ob sie ihren Frieden gefunden hat, lässt sie offen. Die einzige Ergänzung: „Never, never go.“ Und hier, zum Ende dieser wunderbaren Platte, möchte man ihr direkt das Gleiche sagen.
Veröffentlichung: 16. August 2024
Label: Blue Flowers
