Snail Mail – „Lush“ (Album der Woche)

Snail Mail - „Lush“ (Album der Woche)

Snail Mail – „Lush“ (Matador)

Als Lindsey Jordan ihre erste offizielle EP unter dem Namen Snail Mail veröffentlichte, war sie gerade 16 Jahre alt. Die sechs Songs von „Habit“ waren ungeschliffene Rohdiamanten, die einem vor Augen hielten, dass das Alter eines Menschen so gar nichts über die Reife seiner Musik aussagen muss. Auf „Lush“, ihrem ersten Langspieler, offenbart die Künstlerin aus Baltimore nun ihr ganzes Potential.

Die Musik von Snail Mail erinnert an die Zeit, als „Emo“ noch nicht Synonym für an pubertierende Teenager ausgerichteter Pop-Punk war, sondern als Kürzel für „Emotional Hardcore“ stand. Bands wie Jawbreaker oder Sunny Day Real Estate kombinierten die selbstzerstörerische Energie des Hardcore-Punks mit der Melancholie des Post-Punk. Der musikalische Fokus lag dabei auf dicht verzahnten Gitarrenmelodien. Wo Bands wie Mineral dafür aber zwei bis drei Gitarristen brauchten, braucht Jordan nur sich selbst: In Songs wie „ „Heat Wave“ oder „Stick“ baut sie wunderschöne Klangskulpturen, alleine mit ihren zehn Fingern.

Beängstigende Weisheit

Im Vergleich zu den erwähnten Bands klingt Jordans Variante des Emo deutlich entschlackter. Sie braucht nicht die halsbrecherische Geschwindigkeit des Hardcore, um ihre Hörerschaft mitzureißen: Selbst die punkigsten Stücke von „Lush“ bewegen sich im gemütlichen Midtempo, in dem Jordan ihre wohlgewählten Worte in aller Ruhe ausbreiten kann. „You‘ll never change to me / Because I‘m not looking anyways“, singt sie in der doppelbödigen Single „Pristine“.

Doch obwohl Jordans Texte und ihre Gitarrenarrangements auf diesem konstant hohen Niveau agieren, stammt der wahre emotionale Höhepunkt von „Lush“ von einem musikalischen Fremdkörper: Zur Mitte des kleinen Epos „Deep Sea“ ertönt urplötzlich das einsamste Waldhorn-Solo der Welt, das einen in seiner unerwarteten Schönheit komplett aus der Reserve lockt.

Umso verrückter ist es, wenn man realisiert, dass diese Musik, die so sehr vom Leben gezeichnet wirkt, von einer Künstlerin geschrieben wurde, die gerade erst ihren Schulabschluss gemacht hat. „You‘re always coming back a little older / But it looks good on you“, singt sie in der gezupften Ballade „Let‘s Find An Out“. Fast schon beängstigend, wie viel Weisheit in dieser 18-jährigen Frau steckt.

Veröffentlichung: 8. Juni 2018
Label: Matador

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