
Sudan Archives – „The BPM“ (Stones Throw Records)
Alle, die mal bei einem Erste-Hilfe-Kurs einen Dummy zum Beat von „Staying Alive“ reanimieren mussten, wissen: Ein gut funktionierendes menschliches Herz schlägt im Tempo von 120 beats per minute (technisch gesehen 60 bis 80 Mal pro Minute, aber das ist jetzt musiktheoretische Haarspalterei). Bei dieser Frequenz sind wir entspannt. Alles weit darüber ist stressig, alles darunter ist aus anderen Gründen medizinisch beunruhigend.
So sagt es die Wissenschaft. Doch Brittney Denise Parks hat eine andere Vorstellung zu diesem Thema. „The BPM is the power“, singt die US-Amerikanerin im Titeltrack ihres neuen Albums. Auf ihrer dritten LP ist das Tempo, der Herzschlag tief mit einem Wunsch nach Individualismus verbunden: Was wäre, wenn wir alle nach unserem eigenen Rhythmus leben würden?
Nach dem analogen und autobiografischen Ansatz auf dem Vorgänger „Natural Brown Prom Queen“ widmet sich Parks auf „The BPM“ ganz der Zukunft bzw. der Utopie. Das beginnt schon bei ihrer Selbstdarstellung: Auf der LP und den Pressefotos zeigt sie sich als ein Alter Ego namens „Gadget Girl“, ein Hybridwesen aus Technologie und Musikerin. Diese Kunstfigur hat aber auch einen autobiografischen Bezug: „Ich war in der Highschool nie das Mädchen in einer Band“, erklärt sie. „Ich konnte mich erst zum ersten Mal ausdrücken, als ich mein erstes iPad bekam und anfing, Beats darauf zu machen, und als ich meine erste elektrische Geige bekam. Jetzt bin ich ein Gadget Girl, aber ich habe mich als Mensch noch nie so frei gefühlt!“
Utopische Zukunftsmusik
So gut wie auf „The BPM“ nutzte sie ihre Gadgets auf jeden Fall nie. Das Album ist eine subversive Dance-Platte geworden, nicht weit entfernt von FKA Twigs’ „Eusexua“ oder der explodierenden Hyper-Pop-Kunst von Sophie. „Dead“ eröffnet das Album mit seltsam gecutteten Vocal-Samples, EDM-Beats und Sägezahn-Bass. Parks’ vertraute Violine ist immer noch dabei, als tief in der elektronischen Wall Of Sound eingebettete Textur. „Where my old self at?“, fragt sie im Refrain – und beantwortet es direkt selbst: „Right here, right here.“ Diese Zukunftsmusik hat aber auch einen direkten Bezug auf ihre Vergangenheit: „The BPM“ ist eine explizite Verneigung vor Detroit-Techno und Chicago-House – die zwei Städte, aus denen auch Parks’ Eltern stammten.
Mit „Come And Find You“ folgt der wohl einzige Song, der mit seinen sudanesischen Funk-Vibes auch auf ihre vorherigen LPs passen könnte – wenn da nicht wieder die chaotisch zerhäckselten Samples wären. „Yea Yea Yea“ oszilliert hektisch zwischen Trap und Autotune-R&B. In „A Computer Love“ lässt sie verzerrte Breakbeats von der Leine, während sie in „A Bug’s Life“ zur House-Diva mutiert. Die Stimmung innerhalb der Songs shiftet oft genauso abrupt wie die Genres, wie in dem sehr direkten Sex-Rap von „Ms. Pac Man“, in dem zur Mitte plötzlich eine Computer-Stimme nüchterne Wahrheiten über die Liebe vorliest: „Love is often seen as a fundamental human experience that can inspire creativity, compassion and connection / But it can also lead to pain and heartbreak.“ Und dann ballert der Trap-Beat los, mit 140 BPM nach vorne – und man fühlt sich direkt reanimiert.
Veröffentlichung: 17. Oktober 2025
Label: Stones Throw Records
