Konzertbericht: Future Islands in Esslingen

„Eine der besten Live-Bands“. Eine Band mit diesem Satz zu bewerben, ist nicht ganz unproblematisch. Man benutzt womöglich nur eine ausgelutschte Phrase („Jaja, bestimmt sind sie auch ‚Musiker mit Herzblut‘ und ‚echt'“). Man könnte zu hohe Erwartungen wecken („Also Bonaparte fand ich besser…“). Oder jemand könnte seinen Konzertbericht damit beginnen („Eine der besten Live-Bands“).
Viele Bands bekommen in dieser an Superlativen nicht gerade armen Zeit dieses Prädikat verliehen. Nehmen wir zum Beispiel Bonaparte. Eine unterhaltsame Live-Show. Ein bisschen anarchistisch, schöne Kostüme. Schaut man sich die Band ein, zwei Jahre später zum zweiten Mal an, hat man allerdings das Gefühl, dass sich nichts geändert hat. Am Ablauf nicht, an den Kostümen auch nicht. Man bekommt den Eindruck von gespielter Spontaneität – plötzlich wirkt aufgesetzt, was einst begeistert hat.

Einst begeistert hat mich auch die Band Future Islands aus Baltimore. Genauer gesagt hat sie das letztes Jahr in Hamburg getan. Auch sie wurde damals als „eine der besten Live-Bands“ beworben und es war tatsächlich eins der besten Konzerte, die ich seit langem gesehen hatte. Hauptsächlich lag das an Samuel Herring, dem Frontmann des Trios. Die Intensität seiner Bühnenpräsenz ist nur schwer in Worte zu fassen. Kollege Kevin Hamann hat es damals als „Mischung aus Meat Loaf, Robbie Williams und James Hetfield“ beschrieben, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
Aber lässt sich so eine Intensität glaubhaft wiederherstellen? Oder wirkt sie, wenn man die Band zum zweiten Mal sieht, plötzlich aufgesetzt?

Am gestrigen Abend hätte kaum noch jemand ins Komma in Esslingen gepasst. Das war umso schöner, weil die Veranstalter nicht unbedingt damit gerechnet hatten – am selben Abend spielten in der Stuttgarter Innenstadt noch zwei andere Bands, die eine ähnliche Zielgruppe hatten. Spätestens beim dritten Song „An Apology“ war sich das Publikum allerdings sicher, dass sich der Weg nach Esslingen gelohnt hatte. Denn dass eine Entschuldigung eben doch „the hardest thing“ ist, wie Herring den Song angekündigte hatte, machte er nicht nur durch seinen Gesang klar, der von einer Sekunde zur anderen von zerbrechlich in bedrohlich kippen kann. Mit leidendem Gesichtsausdruck schlug er sich im Takt mit einer Wucht auf den Brustkorb, dass man meinte, Rippen brechen zu hören, bis er sich symbolisch sein Herz herausriss, manisch dem Publikum präsentierte und am Ende ganz zärtlich zum Mund führte und wieder hinunterschluckte.

Diese Spannung, die aus den unterkühlten Sounds (zu denen auch das stoische Spiel des Bassisten William Cashion und des Keyboarders Gerrit Welmers passt) und der theatralischen Performance von Herring ist das, was die Shows von Future Islands zu etwas so Besonderem machen. Es sollte eigentlich nichts Einfacheres geben, als sich zu den Beats von Future Islands zu bewegen. Aber man kommt jedes Mal wieder aus dem Rhythmus, wenn Herring plötzlich wild auf das Publikum zuprischt oder einen mit fiebrigem Blick fixiert.

Davon bekamen auch die Anwesenden im Komma nicht genug und klatschten das Trio nach der standardmäßigen Zugabe nochmals für einen Song auf die Bühne. Vielleicht wären es sogar mehr geworden, aber wie sich Samuel Herring geehrt entschuldigte: „Man, sorry, I don’t think we have any songs left“. Das Publikum war trotzdem glücklich. Denn es hatte eben das Konzert von einer der besten Live-Bands gesehen. Von Musikern mit Herzblut und einer Leidenschaft, die nicht aufgesetzt war, sondern echt.

ByteFM präsentiert Future Islands:

19.07. Berlin – Lovelite
20.07. Chemnitz – Beta Bar
21.07. Köln – Sonic Ballroom

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Tickets für Future Islands : ByteFM Magazin
    Feb 15, 2012 Reply

    […] einig. Wer von uns schon mal bei einem Konzert der Future Islands war, der will wieder hin. Jede Menge schwärmerische Konzertberichte haben wir schon über die leidenschaftlichen Auftritte der […]

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