Neue Platten: Fenster – „Emocean“

Cover des Albums Emocean von FensterFenster – „Emocean“ (Morr Music)

8,2

Wenn eine Band nicht mehr nur Popmusik machen will, muss ein Konzeptalbum her. Für die Berliner Band Fenster ist es bereits mit dem dritten Album so weit. „Emocean“ ist als Soundtrack zum gleichnamigen Film konzipiert – geplant und gedreht von und mit der Band selbst, die das Werk als „Dark-Sci-Fi-Comedy“ bezeichnet und unter anderem über Crowdfunding finanzierte.

Ganz so überraschend ist die Idee eigentlich nicht. Denn die Gründungsmitglieder JJ Weihl und Jonathan Jarzyna zeigten bereits durch ihre Arbeit am Video zu „Cat Emperor“ ihres letzten Albums „The Pink Caves“ ihr Interesse am Thema Film. Story, Kostüme und Regie kamen bereits von ihnen. „Emocean“ geht hier noch einen Schritt weiter, denn es ist überwiegend ein Instrumentalalbum, das am besten als Ganzes und mit seinem visuellen Gegenstück funktioniert.

Musikalisch setzen JJ Weihl, Jonathan Jarzyna, Lucas UFO und Will Samson weiterhin auf psychedelische Sounds und analoge Synthesizerklänge aus leicht angekitschten Easy-Listening-Welten. Gleich beim Titel-Song „Emocean“ sind die im Zusammenhang mit Fenster häufig zitierten Twin-Peaks-Badalamenti-Referenzen deutlich hörbar. Lange, getragene Melodiebögen, weiche Synthie-Pads, künstliche Flöten und Streichersounds bilden eine Ouvertüre mit erhabener Stimmung, aber auch irgendwie verstörendem Unterton. Dann wird es schnell skurril. Bereits „Mental Blues“ entführt mit Rock-’n’-Roll-Rhythmusgitarre, quäckigen Synthesizern und einer Gummi-Bassline in psychedelische Parallelwelten, die sonst gerne von den Residents bereist werden, und Songs wie „Samson’s Theme“ oder „Laer Si Live“ bringen mit Hawaii-Gitarren und Steel-Drums und flottem Rhythmus eine Prise Exotik, Disko und schrägen Goth-Sound mit ins Spiel. „Les Fleur“ oder das mit Flöten- und Spinett-Klängen garnierte „Eyeland“ klingen dagegen, als seien sie direkt einem 70er-Artrock-Album entsprungen. Wenn dann doch einmal ein Stück mit Gesang vorkommt, so ist dieser entweder völlig weichgezeichnet und vernuschelt (wie beim zentralen „Memories“) oder geht wie bei „Laer Si Live“ mickymausartig verfremdet als weiteres Instrument im Mix auf.

Derartige Musikfilme sind an sich ja nichts Neues. Ob nun „Magical Mystery Tour“, „Tommy“, „The Wall“ oder Daft Punks „Interstella 5555“ (auf den sich Fenster sogar selbst beziehen), die Liste der ambitionierten Album-turns-Rockopern und der unzähligen „Soundtracks zu einem imaginären Film“ ist lang. Gegenüber solchen Monumenten wirkt der charmante Do-It-Yourself-Ansatz von Fenster jedoch ein wenig wie trotzige Verweigerung von ständiger Download-Verfügbarkeit und randomisierter Playlists nach dem Ende der Album-Ära. Der Film ist dabei gleichzeitig Klammer und Rechtfertigung eines Gesamtwerks, das Fenster so auch auf der anstehenden Tour in klassischer Stummfilm-Praxis aufführen werden.

Es wird spannend sein zu sehen, wie die elf Songs sich bei ihrer filmischen Umsetzung zu einem großen Ganzen zusammensetzen. Erste Ausschnitte aus dem Trailer, der im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne veröffentlicht wurde, lassen eine symbolfreudige Mischung aus trashiger DIY-Asthetik, Psychedelic und Eso-Kitsch erwarten. Der Film begleitet Fenster in einer Art Mockumentary bei der Aufnahme ihres Albums, was – wie eigentlich zu erwarten – die Band schnell in andere Dimensionen führt. „Memories“, das erste Video, ist in dieser Hinsicht bereits sehr gelungen und zeigt die Band in einer Art Limbo, in wallend-weißen Gewändern auf weichgezeichneten Wattewolken schweben. Aber auch ohne weitere Videos sind die elf Songs des Albums voller spannender Anspielungen und Referenzen, die Lust darauf machen, „Emocean“ in voller Länge zu sehen.

Label: Morr Music

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Kelela – „Hallucinogen“ (Rezension)
    Man könnte es sich zur großen Aufgabe machen, über Kelelas neue EP „Hallucinogen“zu sprechen, ohne einmal den Namen FKA twigs in den Mund zu nehmen. Gelingt aber nicht, denn so ähnlich wie diese beiden schillernden R&B-Köpfe zu sein scheinen - ihr Unterschied wird zum interessanten Moment....
  • Cover des Albums Process von Sampha
    Als Produzent, zum Beispiel für Kanye West und Beyoncé, hat sich Sampha einen Namen gemacht. Mit „Process“ zeigt der Londoner, dass er eine eigene Stimme und viel Soul hat....
  • Beach House – „Depression Cherry“ (Album der Woche)
    Mit „Depression Cherry“ wollen sich Beach House aufs Wesentliche zurückbesinnen. Große-Bühnen-Bombastik, ade! Zurück zum behutsam geschichteten Dreampop. ...


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.