Neue Platten: Martin Carr – „The Breaks“

Cover des Albums The Breaks von Martin CarrMartin Carr – „The Breaks“ (Tapete)

6,4

Eigentlich wird dieses Album ein halbes Jahr zu spät veröffentlicht. Martin Carrs „The Breaks“ lädt nämlich zum Radfahren ein. Nicht zum Im-grauen-Herbst-mit-ersten-Mützenversuchen-und-Triefnase-hochgezogenen-Schultern-und-Grummelfalte-Radfahren, sondern zum Arme-breit-ausbreiten-und-den-Sonnenstrahlen-entgegenblinzeln-mit-die-Straße-gehört-mir-Attitüde-und-leicht-eierndem-Vorderrad-Radfahren.

Klingt pathetisch. Klingt nach unbeschwerter Laune. Klingt teilweise zum Erbrechen flatterhaft. Klingt nach Martin Carr.

Der Brite hat nach längerer Labelsuche sein neues Album auf Tapete Records veröffentlicht und schämt sich nicht, seinen leicht verdaulichen, leichtfüßigen und leicht beschwingenden Pop in die Welt hinauszutragen. Wobei der Sound in bizarrer Weise den Inhalten widerspricht. Die Songs haben durchaus schwere Themen. Stellen den Sinn des Daseins infrage („Mainstream“) oder beteuern die ewige Liebe („I Don’t Think I’ll Make It“).

Doch Carr klingt dabei alles andere als melancholisch. Eher klingt er wie der ewige Optimist. Wie einer, der den Problemchen der Welt auf dem Sattel seines Rades davonfährt. Immer den Blick nach vorne. Immer ein Lächeln auf den Lippen. Das wird durch den steten Einsatz von Chor- und Orchestereinlagen beinahe grotesk unterstrichen. Auch die Präsenz des E-Pianos, ob mit Orgelton oder mit Melodica-Anmut, und die wirklich immer und immer vordergründige Akustikgitarre lassen die Songs von Martin Carr leicht überspitzt erscheinen. Beinahe lässt sich vermuten, dass er mit der Übertreibung spielt, sie als Kontrast nutzt, den Pathos zur Entlarvung der Fröhlichkeit verwendet.

Und doch fehlt es an der Konsequenz. Kleine Aufnahmefehler wie verpasste Choreinsätze oder schiefe Töne („St Peter In Chains“) verweisen genauso auf die Ernsthaftigkeit der pathetischen Stilmittel wie die Gitarre, die nur allzu oft und manchmal ein bisschen nervend als Dialogpartner zur Carrs Gesang fungieren muss. Das passt strukturell durchaus zusammen, führt aber dazu, dass die teils schweren Texte unwirklich wirken. Beinahe so, als würde Carr mit Fahrradhelm bei rot über die Ampel fahren – der Versuch von lingualer Rebellion unter dem Mantel der tonalen Sicherheit.

Letztlich funktioniert „The Breaks“ als Gesamtwerk wunderbar, es ist ein Album für gute Momente, erinnert bruchstückhaft an Belle And Sebastian oder Stephen Malkmus ohne wahnwitzige Einlagen, lässt die Welt Welt sein und kann belanglose Momente zu dauerhaften Erinnerungen werden lassen.

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