Raue, harsche Tanzmusik: Harmonious Thelonious


Es gibt vielerlei musikalische Rezepte, die Klänge fremder Kulturen als Zutaten haben. Berühmtestes Beispiel dafür ist momentan vielleicht M.I.A, die konsequent mit globalem Repertoire von Bollywood bis Brasilien kocht. Oder Mos Def, dessen Album „The Ecstatic“ voll mit orientalischen Samples ist und sogar eine Grammy Nominierung für das beste Rap-Album 2009 erhielt. Ein subtileres, weniger überproduziertes Beispiel lieferte Gonjasufi, der sich an türkischem Material der 70er bedient.

Ein weiteres interessantes Rezept kommt nun aus Deutschland. Harmonious Thelonious heißt das Projekt von Stefan Schwander, der bisher unter dem Namen Antonelli Minimal Techno produzierte. Im Dunstkreis des Düsseldorfer Salon des Amateurs, einem Club, der experimentierfreudigen Musikern einen fruchtbaren Boden bietet, kreierte er einen Sound, der Minimal Music der 60er Jahre mit afrikanischer Perkussion verbindet.

Schon länger war Stefan Schwander auf der Suche nach einer neuen Soundästhetik. Wie viele seiner Musikerkollegen lechzte auch er nach neuem Input, den cleanen Club Sound der letzten Jahre konnte keiner mehr hören. „Es war der Punkt erreicht, an dem es im Minimal House, Electro oder Techno mit den Rhythmusstrukturen nicht mehr weiterging und langweilig wurde“, erklärt er. Inspiration fand er in Afrika – unabhängig vom Afrika-Hype, den die WM in Südafrika losgetreten hatte.

Bei Stefan Schwander führte der Umweg zunächst einmal über die Minimal Music der 60er Jahre. Angeregt von Pionieren wie Phillip Glass oder Terry Riley wollte er etwas machen, das „nicht so sehr dem Dancefloor verpflichtet ist und nicht mit Bassdrums und High Heads arbeitet“, sondern etwas, bei dem die Rhythmik durch das „Ineinanderweben von Melodien entsteht.“
Anfangs arbeitete er ausschließlich mit Orgel Sounds, doch da sein musikalisches Interesse parallel dazu immer mehr in Richtung Afrika ging, war es naheliegend, diese Einflüsse zu verarbeiten.

Durch ein Plattencover wurde er auf Musik aus Simbabwe aufmerksam, Feldaufnahmen aus den 70ern, und stellte erstaunt fest, dass diese Musikstrukturell seiner Sequenzer-Arbeit ähnelte. Im Zuge dessen entdeckte er auch die Mbira, ein Daumenklavier als Instrument – und zwar als digitales. Denn an der Musik von Harmonious Thelonious ist nichts analog und es werden auch keine Samples verwendet.

„Alle Leute sind überrascht wenn ich sage, ich habe jede einzelne Note selbst eingegeben. Aber einfach Samples zu benutzen ist mir ein bisschen zu billig. Ich will die Strukturen verstehen und mir erarbeiten.“

Stefan Schwander schreibt in mühsamer Kleinarbeit Note für Note selbst und tüftelt lange an den Melodien und Akkorden, kreiert repetitive psychodelische Stücke, einerseits minimalistisch, andererseits mit vielen Ebenen, in die man tranceartig eintauchen kann. Als „Steve Reich auf Acid“ wurde Harmonious Thelonious unlängst beschrieben.

Obwohl seine Musik eindeutig ethnologische Anleihen hat und er sein afrikanisches Ausgangsmaterial genau analysiert, will Schwander dieses nicht nachspielen. Er spricht eher von Nachinterpretieren.
„Ich will ja keine afrikanische Musik machen, das würde ich mir gar nicht anmaßen. Ich mache das mit meinem Blick und Verständnis und will es auch mischen.“

Vielmehr spielt er mit gewissen Klischeevorstellungen darüber, wie ein Kontinent klingt, Vorstellungen, denen er, wie er zugibt, selbst immer wieder anheim fällt. Auch das Cover des Albums „Talking“, eine Maske, gibt vor, afrikanischen Ursprungs zu sein. In Wirklichkeit ist sie aus Polynesien. Dass dieser eklektische Zugang für manche Ethnologen und Musikpuristen problematisch sein kann, dessen ist sich Schwander bewusst. Aber er findet den Vorwurf, der reiche Westen bediene sich an den armen Afrikanern, ohne die Hintergründe genauer zu reflektieren, zu kurz gedacht. Der Strom der Beeinflussung ginge in beide Richtungen, wie das Beispiel Ghanaischer Bands sehr schön zeige, die James Brown für sich entdeckten und nachspielten, nur eben auf Ghanaisch. Die europäische Handschrift jedenfalls bleibt bei Harmonious Thelonious erhalten.

„Ich will raue, harsche tanzbare Musik machen. Es geht nicht nur um Afrika, sondern auch darum, andersartige Clubmusik zu kreieren, mit Sounds, die es nicht tagtäglich zu hören gibt.“ Obwohl das Projekt gewissermaßen als Abwendung vom Dancefloor begann, ist Stefan Schwander genau dorthin zurückgekehrt. „Es hat mich dann irgenwann interessiert, diesen Sound tanzbar hinzukriegen. Das macht mehr Sinn und Spaß“.

Live tritt Harmonious Thelonious als Trio auf. Unterstützt wird Stefan Schwander von Marc Matter (Institut für Feinmotorik, Durian Brothers) an Plattenspieler und Effektgeräten sowie Stefan Suhr, der afro-kubanische Perkussion spielt.

Bleibt nur noch die Frage nach der Namensfindung. Diese beantwortet Schwander lachend: „Ich wollte einfach irgendwas, das sich reimt“.

Mehr über Stefan Schwander und sein Projekt Harmonious Thelonious könnt Ihr Sonntagabend bei Klaus Walter erfahren. Was ist Musik, ab 20 Uhr.

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Raue, harsche Tanzmusik: Harmonious Thelonious : ByteFM Magazin
    Okt 28, 2010 Reply

    […] hier den Beitrag weiterlesen: Raue, harsche Tanzmusik: Harmonious Thelonious : ByteFM Magazin […]

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