Ein ganzer Ozean voller Musik: Rocko Schamoni zum 15. Geburtstag von ByteFM

Foto von Musiker, Autor und Schauspieler Rocko Schamoni.

Rocko Schamoni bei der ByteFM-Jubiläumsfeier zum 15. Geburstag im Hamburger Café Schöne Aussichten (Foto: Dirk Pudwell)

Rocko Schamoni ist Musiker, Regisseur, Schauspieler, Entertainer, Autor – und Radio-Fan. Vom Aufwachsen in der norddeutschen Radio-Einöde, seinem Ärger über die Mutlosigkeit vieler Radiostationen und warum ByteFM mittlerweile sein Haussender ist, hat der Hamburger im Rahmen seiner Laudatio anlässlich unseres 15. Geburtstags erzählt. Die ungekürzte Fassung lest Ihr hier:

Gegen die uninformierten Uniformierten

Als Jugendlicher auf dem Land, mit etwa 15 Jahren, begriff ich, dass Musik mein Leben bestimmen würde. Mir eine Heimat und einen emotionalen Pol bieten konnte, dass ich mich damit von den anderen unterscheiden konnte, von den Stumpfen und den Glatten, von den desinteressierten Erwachsenen und den uninformierten Uniformierten, dass ich mich damit fokussieren konnte, Gleichgesinnte und Freunde finden konnte, dass die Musik eine Brücke, eine Mauer, eine Festung, ein ganzer eigener Kontinent für mich sein würde. Musik war das wirkmächtigste Tool meiner frühen Jahre.

Ich komme von der Ostsee, aus der Provinz, vom Rand der Scheibe. Wichtig für mich waren also damals die Quellen, die Transporter der Neuigkeiten. Es gab kein Internet, keine Handys, keine Computer, alles lief über Mundpropaganda, oder über einige wenige Medien, wie zum Beispiel die Zeitschriften Spex, Sounds und ausgewählte Fanzines. Am wichtigsten aber war für mich: „Musik für junge Leute“ auf NDR 1 – oder auf NDR 2. Jeden Mittag lauerte ich mit tonverschmierten Fingern in meiner Töpferwerkstatt am Kassettenradio auf die besten Tracks, um sie mitzuschneiden: Paul Baskerville, Stefan Kühne, Gitti Gülden, Klaus Wellershaus, Ruth Rockenschaub, Peter Urban und viele andere, an die ich mich heute nicht mehr genau erinnern kann, moderierten und brachten die entscheidenden News, die Signale, die Energie schneller, direkter und früher als die Zeitungen zu uns auf die Dörfer. Meine matschigen Mitschnitt-Tapes gab ich später an Freunde weiter.

Als ich kurz darauf selber zum Musiker mutierte, wurde „Musik für junge Leute“ eingestellt (ob es da einen Zusammenhang gibt, wage ich zu bezweifeln). Und warum die Wirkmächtigen, die „Erwachsenen“ in den Chefetagen, die Sendung 1988 einstellten, weiß ich nicht, ich vermute aber, dass der NDR – die nach wie vor mutloseste Sendeanstalt des ganzen Landes – die andersartige Musik auf Nachtplätze verbannte, um die Tageshörer*innen nicht zu verschrecken, all die lieben Schäflein, die in ihren Büros und Werkstätten nur die biedere, einfache, fröhliche aurale Kost vorgelegt bekommen sollen, damit sie ruhig und brav bleiben – man nennt das „Mood Management“.
In den normalen Programmen und Sendungen des NDR wurden wir Künstler und Künstlerinnen aus dem Norden so gut wie nie gespielt. Um uns selber mal tagsüber im Radio hören zu können, mussten wir schon nach Berlin fahren. Oder in den Sendebereich des WDR, nach Bayern oder – bestenfalls gleich nach Österreich, denn auf dem dortigen Musiksender FM4 präsentierte man abseitige Künstler*innen jederzeit. So avancierte mein Song „Der Mond“ in Süddeutschland und Österreich zu einem veritablen Hit, während er im Norden eigentlich nur undercover wahrgenommen wurde.
Ich bin natürlich auch vom NDR in gute und interessante Sendungen eingeladen worden, nicht zuletzt gab es den Nachtclub, aber, ganz ehrlich: Ich persönlich höre nachts kein Radio. Wenn ich nachts Musik hören möchte, lege ich sie entweder selber auf oder ich gehe in einen Club, um mich inspirieren zu lassen. Oder ich schaue mir gleich die entsprechende Band live an. Aus dem Radio möchte ich lieber tagsüber, beim Autofahren, beim Kochen, beim Aufräumen, bei handwerklicher Arbeit inspiriert werden, Musik hören und mich informieren lassen.

Foto von Musiker, Autor und Schauspieler Rocko Schamoni.

Foto: Dirk Pudwell

Noch mal grundsätzlich: Gerade die Massenmedien, z. B. die Radiostationen, die jeden Tag sehr viele Menschen erreichen, tragen eine große Verantwortung. Was nützt uns der sogenannte Bildungsauftrag, der täglich vom Deutschlandfunk eingelöst wird, wenn die meisten Menschen nur das Formatradio der großen Stationen hören, in dem auffällig dümmlich agierende Moderator*innen mit nervig ausgestellter guter Laune, läppische Anmoderationen oder infantile Anrufspiele präsentieren, das Ganze umbettet von algorithmisch sortierter Musik? Die Möglichkeit, die Hörer und Hörerinnen ab und zu zum Denken anzuregen oder ihnen in seltenen Momenten etwas wirklich Neues zu präsentieren, kommt so gut wie niemals in Betracht. Wenn ich auf Überlandfahrt per Zufall an eine dieser unangenehm gut gelaunten Moderator*innen gelange, habe ich meist das Gefühl, verarscht zu werden, komme ich mir vor wie in einer Parodie, in der erwachsene Menschen wie Kleinkinder behandelt werden.

Menschen, von denen ich lernen kann

Mir fällt dazu immer wieder ein Bild aus einem Frankreich-Urlaub vor ein paar Jahren ein: die Atlantikküste, im Sommer, die sogenannte „Silberküste“, hunderte Kilometer feiner Sandstrand, meist menschenleer – und dann auf einmal: zwei blaue Fahnen, einige Meter voneinander entfernt. Und um diese beiden Fahnen herum liegen hunderte von Menschen. Und zwischen diesen beiden Fahnen gehen sie alle ins Wasser – wenn der Bademeister sein Zeichen gibt. Sie schwimmen vorsichtig ein paar Meter hinaus und legen sich dann brav zurück ins fleischerne Beet am Strand. Wenn die roten Fahnen wehen, geht niemand ins Wasser. Was die Menschen nicht bemerken: links und rechts von den Fahnen liegt das unendliche Meer. So geht es mir mit der Musiklandschaft in Deutschland: Überall hören die Menschen Musik übers Radio: im Auto, im Büro, in der Werkstatt, den ganzen Tag – und immer und allerorten dieselben paar hundert Titel, im Oldie-Radio die von früher, im Chart-Radio die von heute. Als ob da nicht mehr wäre. Als ob da nicht ein ganzer Ozean voller Musik wäre. Groß, tief und wild, in den man eintauchen könnte, in dem man sich erfrischen könnte, in dem man sich ersaufen könnte. Wenn sie nur davon wüssten. Wenn es ihnen jemand erzählen würde. Wenn es ihnen jemand beibringen würde. Ich möchte schwimmen und tauchen, so weit und so tief, wie es geht. Und ich würde gerne die blauen Fahnen verbrennen.

Glücklicherweise habe ich – nachdem die Welt des Musikjournalismus durch den Wegfall von Spex und Intro weiter erodierte – eines Tages ByteFM für mich entdeckt. Am Anfang konnte ich es gar nicht glauben, dass es da endlich einen Sender gibt, der all die Musik spielt, die mich interessiert, mit lauter Moderator*innen, die sich Mühe geben, sich Gedanken machen über ihre Playlists, die etwas zu erzählen haben über Hintergründe und Zusammenhänge der Songs. Menschen, von denen ich lernen kann. Mittlerweile beziehe ich die meisten Tipps über neue Musik tatsächlich über ByteFM, denn ich höre es zu jeder Gelegenheit. Nicht jede Sendung trifft bei mir voll ins Schwarze, aber fast immer ist dann doch ein Track dabei, der mein Bewusstsein erweitert. Lernen ist einer der lustvollsten Prozesse des Lebens – fast lustvoller als Sex – und bei ByteFM lerne ich jeden Tag. Wozu also noch das quälende Warten bei den großen Stationen, dass mal ein einziger guter Song kommt, wenn ich das am laufenden Band bei ByteFM – jetzt auch terrestrisch – haben kann? Kurz nebenbei: Schön wäre es wenn man den Sender auch in Schleswig-Holstein über den Äther beziehen könnte, gerade die Provinz braucht unbedingt Hoffnung und Erleuchtung!

Ob es etwas zu kritisieren gibt? Wenig. Ab und zu stolpere ich etwas über den sonor-erotischen Habitus einiger Präsentator*innen und das amouröse Raunen ins Mikrofon nötigt mir ein Lächeln ab. Und dass ich beim Einschalten immer erst mal das TuneIn-Signal und dann BMW-Werbung hören muss, nervt mich wirklich (Anm. d. Redaktion: Gegen die Werbung, die TuneIn vorschaltet, können wir leider nichts machen. Wir profitieren davon auch nicht. Wenn Ihr ByteFM über unsere Homepage oder unsere App hört, gibt es keine Werbung. Würden wir empfehlen.). Aber das hat vermutlich eher mit meinem technischen Unvermögen zu tun, als mit meinem Haussender, also: Wir – draußen an den Empfängern – freuen uns darüber, dass es Euch mittlerweile seit 15 Jahren gibt und werden Euch auch weiterhin die Treue halten.

Nur auf meiner Beerdigung wird NDR 2 gespielt!

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

3 Kommentare
  1. posted by
    Janina
    Jan 24, 2023 Reply

    Rocky Schamoni spricht mir aus dem Herz. Danke ByteFM. Ich bleibe auch bei euch.

  2. posted by
    Olaf
    Jan 25, 2023 Reply

    Stimmt alles ganz genau, lieber Rocko und liebes Byte-Team. Soll heißen so true! (heißt so nicht ein cooler Song einer Popper-Combo, die bestimmt noch auf NDR gespielt wird?)

    Und „Musik für junge Leute“, was für eine tolle Sendung war das! Im TV gab es vor langer Zeit auch die großartige Sendung „Off Beat“. Auf Tele 5 lief die, glaube ich. Sternstunden der Bedeutsamkeit waren das!

    Und heute? Der Pudel hat überlebt (Danke dafür Rocko&Schorsch!) und Byte FM wächst (Danke dafür an das ganze Byte-Team!)

    Ganz herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle zum 15. Geburtstag! Zum 20jährigen Jubiläum schaffe ich es hoffentlich auch auf Eure Party!

  3. posted by
    Holger Lisy
    Jan 28, 2023 Reply

    Lieber Rocko, du sprichst mir aus der Seele. ByteFM ist auch meine Heimat geworden. Seitdem kommt mir das Formatradio, dem ich viel zu lange meine Ohren schenkte, noch viel absurder vor.
    Dabei gab es niemals soviel gute Musik wie heute, ich komme mir vor wie im Eldorado (oder eben an der Silberküste), entdecke jeden Tag neue Schätze, die mein Leben bereichern und meinen Horizont erweitern. Dein neuer Song „Das bin nicht ich“ war auch so ein Moment, danke dafür.

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