Zwischen Björk, Aurora und Nashörnern – der musikalische Grenzgänger Manu Delago

Manu DelagoManu Delago

Eher unscheinbar kommt er daher. Fast ein bisschen schüchtern, wenn er mit leiser, aber betonter Stimme von seinem Faszinosum schwärmt: dem Hang. Das metallene Instrument sieht aus wie ein Ufo und „erinnert, wenn man es ganz sanft spielt, an den Klang einer Harfe. Es kann aber auch als reines Perkussionsinstrument dienen“, so bebildert Manu Delago die Vielseitigkeit des Hang. Sein Vater hat dieses neuartige Geschöpf, das erst im Jahr 2000 erschaffen wurde, auf einem Festival entdeckt. Beim Hang sind zwei halbkugelförmige Metallschalen miteinander verklebt. Auf der Oberseite befinden sich Klangfelder, auf der Unterseite ein Klangloch. Ausschließlicher Vertreiber ist der Erfinder PANArt aus Bern.

Seit zehn Jahren begleitet dieser außerirdisch anmutende Gefährte Manu Delago nun. Inzwischen nimmt die Scheu vor dem Novum ab: „Am Flughafen musste ich es oft auspacken und spielen“, erklärt der gebürtige Österreicher, „mittlerweile wissen die Securitys oft schon, dass es ein Musikinstrument ist.“ Dazu beigetragen hat vor allem ein YouTube-Video: Sein Solo „Mono Desire“ weist weit über vier Millionen Klicks vor. Einige dieser Klicks stammen von Björk. „Ihr hat das Video gut gefallen und sie hat mich dann eingeladen, auf ihrem Album ‚Biophilia‘ mitzuwirken“, kann Manu Delago stolz von sich behaupten. Viele große Namen sammeln sich auf der Liste seiner Kollaborationen: Anoushka Shankar, Didier Lockwood, das London Symphony Orchestra, Andreya Triana … Die Liste scheint fast endlos, grenzenlos die Genres, in denen er sich dabei bewegt. „Ich mache Musik. Wenn es jemand definieren will oder muss, dann soll er das selbst machen“, konstatiert der Wahl-Londoner, der sich mit seinen Projekten zwischen Elektronik, Trance, Jazz, Klassik, Pop und Undefinierbarem bewegt.

Momentan tourt Delago mit „Bigger Than Home“, dem zweiten Album von Manu Delago Handmade: Ein vierköpfiges Ensemble, bei dem Klavier, Geige, Kontrabass, Schlagwerk, Glocken, Elektronik, Gesang und das Steckenpferd Hang eine rhythmisch-melodiöse Symbiose zu intelligenten Songs eingehen, die oft mit Popcharakter aufwarten. Eingängige Melodien und Refrain-Chorus-Bridge-Strukturen sind keine Seltenheit. „Für mich ist wichtig, dass jeder Song einen speziellen Klangcharakter hat, eine spezielle Besetzung“, erklärt Manu Delago, der Schlagwerk, Komposition und Orchestrierung studiert hat. Sei es einfach eine Glocke, ein Metronom oder das Knarzen eines Bogens auf Kontrabass, das dem Wiegen eines Schiffes gleicht; jedem Stück verleiht er eine ganz eigene Klangwelt. Live gleicht Manu Delago Handmade einem Gesamtkunstwerk. Überwältigende rhythmische Lichteffekte, während Streichinstrumente zu perkussiven Gegenständen umgewandelt werden. Dazu stößt mimische Theatralik und perfekte Harmonie der vier Profimusiker.

Höchst erfinderisch sind auch Manu Delagos Werke als Komponist, deren spielerische Elemente sich in einem Stück für zwei akustische Zahnbürsten wiederfinden – oder in Aufziehrobotern, die auf einer Snaredrum gegeneinander laufen, bis sie herunter fallen. Zu seinem Opus gehört auch die „Pencilphonie No.1“: Exakt niedergeschrieben ist, welche Bewegungen das Instrument „Stift“ auf Papier durchführen muss. Durch dieses rhythmisch auskomponierte Zeichnen entsteht ein Selbstporträt des Komponisten. „Das bin einfach ich als Typ. Ich verwende gerne Alltagsgegenstände zum Musikmachen“, beschreibt der 29-jährige sein schöpferisches Vorgehen, bei dem er „kein Gegner von Humor“ ist. Seine Neugier gilt dem Ungewöhnlichen, Neuen und Innovativen.

Für dieses Jahr stehen Projekte mit der Pariser Oper, dem Londoner Aurora-Orchester und Living Room, dem ersten Hang-Bassklarinette-Duo der Welt, an. 2015 soll es ein nächstes Hang-Soloalbum geben. „Bei so vielen Projekten braucht man einen Langzeitplan“, gibt ein scheinbar gut organisierter Manu Delago zu. Bis Mai 2014 touren Manu Delago Handmade noch mit „Bigger Than Home“. Das umgedrehte Nashorn auf dem Albumcover ist inspiriert von einer Dokumentation über Nashornbullen. Sie werden zur Fortpflanzung an den Beinen aufgehängt mit Hubschraubern in neue Gebiete geflogen. Nach dieser Manier transportiert Manu Delago seine Musik von zu Hause in neue Gefilde, dass sie Früchte trage und sich vermehre. Damit sein außerirdischer Wegbegleiter bald ohne Umstände den Check-in am Flughafen passieren kann.

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Gonjasufi (Ticket-Verlosung)
    Sumach Ecks alias Gonjasufi, der Hohepriester des Psycho-Voodoo-Blues, kommt im November für vier Konzerte nach Deutschland und in die Schweiz. Wir verlosen Gästelistenplätze. ...
  • Iron & Wine – „Kiss Each Other Clean“ (Album der Woche)
    Heutzutage komponierten die Leute oftmals Klangflächen, etwa mit der Gitarre, und den Gesangspart legten sie einfach irgendwie drüber, manchmal bestehe er gerade mal aus zwei Noten. Das findet der amerikanische Singer und Songwriter Sam Beam, besser bekannt als Iron & Wine, und das passt ihm nicht. Unser Album der Woche....
  • Presseschau 19.03.: Bombastpunk
    Bröckelt der Putz bei Daft Punk? Kann ein Soundtrack für sich allein stehen? Hat Lara Croft zu große Brüste? Wie wichtig sind virtuelle Freunde? Diese zusammenhangslos wirkenden Fragen werden u.a. in der heutigen Presseschau und den dort verlinkten Artikeln beantwortet....


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.