David Lynch – „Crazy Clown Time“

VÖ: 04.11.2011
Web: „http://davidlynch.com/“
Label: Sunday Best Records

Ist es sinnvoll, ein Album zu rezensieren, wenn man als Autorin Angst vor dieser Platte hat? Und wie, bitte sehr, kann man überhaupt Angst vor einer Platte haben?

Nun, beide Fragen lassen sich mit einem Namen beantworten: David Lynch. Die erste Frage kann man getreu Lynchs Philosophie direkt mit einem Zitat aus dem Song „Good Day Today“ von seinem neuen Album „Crazy Clown Time“ beantworten. „So tired of fearing, so tired of dark“. Stell dich der Angst, scheint der Musiker/Filmregisseur/Künstler zu entgegnen.

Die Antwort zur zweiten Frage liegt auf der Hand (besser, auf dem Ohr): David Lynch. Der grandiose Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent ist bekannt für schwere Kunst. Seine Filme sind angsteinflößend, ekelerregend, abartig und gleichzeitig faszinierend, zauberhaft, erhellend. Mit diesem Vorwissen ist bei der Betrachtung Lynchs Albums plötzlich ein Gefühl da, das Gefühl der Angst. Denn: Was David Lynch auf visueller Ebene kann, kann er auf auditiver Ebene erst recht, oder?

Und ob er das kann! David Lynch hat mit seinem Debüt eine Platte vorgelegt, die all das kann, was seine Filme auch können, nur intensiver. Geben uns Filme noch Bilder mit an die Hand, so sind wir beim Hören unserer Fantasie ausgesetzt. Und die wird ordentlich beflügelt. „Crazy Clown Time“ ist ein Spiel aus gesanglichen Experimenten und musikalischen Sphären. Lynch setzt einen Kontrapunkt nach dem anderen, bricht akustische Regeln und überschreitet ästhetische Grenzen. Sein Mut zur Verunstaltung der eigenen Stimme ist bewundernswert. Kein Stück ist gesanglich wie das andere. David Lynch flüstert, singt, spricht, verzerrt seine Stimme elektronisch, nutzt Hall und Verfremdungseffekte. Ähnlich wie in seinen Filmen scheint Verfremdung überhaupt das Wort zum Album zu sein. Die unendliche Vielfalt, die in „Crazy Clown Time“ anklingt, scheint lediglich Hilfsmittel jener Verfremdung zu sein. Der Musiker tritt auf seinem eigenen Album in den Hintergrund, nimmt sich als Person komplett raus, verweigert sich der gesanglichen Zuordnung. Er verfremdet nicht die Musik, nicht den Ton, nicht den Takt. David Lynch verfremdet sich. Und erzeugt dadurch eine Aura, die den Blick auf die eigene Hörer-Seele lenkt, die zum Reflektieren und Nachdenken anregt und die vor allem eines schafft: eine Mischung aus Angst und Faszination, aus Ekel und Entzückung, aus Abwehr und Neugierde hervorzurufen.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.

Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Label: Sundy Best Records | Kaufen

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