Neue Platten: Nils Frahm – „Felt“

(Erased Tapes)

7,2

Nils Frahm wohnt und arbeitet in Berlin. Seit 2008 betreibt er das Durton Studio. Neben seiner eigenen Musik produziert er dort auch Werbemusik. Das neue Album von Nils Frahm heißt „Felt“. Es ist ein behutsames, zerbrechliches Werk. Sehr durchdacht werden die Tasten angeschlagen. An wenigen Stellen, wie im Stück „Old Thought“, schiebt sich eine Oboe ins Klangbild. „Unter“ endet mit zwielichtigen Flötentönen, getragen von einem Rauschen, das als durchgängiges Motiv stets und vor allem in den ruhigen Momenten der Platte hörbar ist. Das Tempo: bedächtig, fast schläfrig, jedoch nicht ermüdend. Lediglich das erste Stück („Keep“) und das letzte („More“) sind deutlich schneller und lebendiger gespielt und wirken so als Rahmen.

Nils Frahm zeigt sich auf „Felt“ nicht nur als Spieler, sondern auch als Handwerker und Tüftler. Um auch nachts musizieren zu können, dämpft er sein Klavier mit Filz (daher auch der Name des Albums: „Felt“, engl. für Filz) und spielt mit „behutsamen Fingern“ (Frahm). Die Platte widmet er seinen Nachbarn, die er beim nächtlichen Spielen nicht stören will. Wurde das Vorgängeralbum „The Bells“ noch in der schallenden Berliner Grunewaldkirche aufgenommen, ist „Felt“ in Frahms Wohnzimmer entstanden. Für die Aufnahme platzierte er mehrere Mikrofone im Klavierkorpus, so nah an den Saiten, dass für uns nun auch die leisen Nebengeräusche hörbar werden, die viele andere Produzenten als störend empfinden würden. Auf „Felt“ werden sie zum Konzept: knarrende Holzdielen, das Klacken der Klaviermechanik, scharrende Füße und das spannendste von allem: das Atmen des Musikers. Durch diese unkontrollierbaren Momente wird „die Musik […] zum Zufall […] oder eben umgekehrt“, sagt Frahm.

Die wundervollsten Melodien legen sich in dieses räumliche Geknister und Geraschel. Man fühlt sich nicht, als höre man ein Musikalbum, sondern als säße man leibhaftig neben Frahm in seinem Wohnzimmer. Die Distanz zwischen Spieler und Hörer wird auf ein Minimum reduziert. Wer „Felt“ verstehen möchte, braucht vor allem Zeit und Ruhe. Und gute Kopfhörer. Selten hört man im Moment ein vergleichbares Album. Nils Frahm lässt tief in seine Seele blicken. Und man kann vermuten: dort hausen vor allem Schönheit und Ruhe.

Nils Frahm – Unter by erasedtapes

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Diskussionen

3 Kommentare
  1. posted by
    Mario
    Okt 10, 2011 Reply

    Ja, wirklich aufregend, so im Inneren eines Klavieres zu sitzen, und zu hören, wie sich der Raum vergrößert mit jedem Ton. Fantastisches Album und treffende Rezension.
    Gibt es eigentlich irgendeine Erklärung für die Benotungen, die ihr neuerdings vergebt?

  2. posted by
    Christoph Möller
    Okt 11, 2011 Reply

    Lieber Mario,

    vielen Dank, dass Du mich und BytFM zitierenderweise auf Deiner Homepage erwähnst.

    Die Benotung soll die qualitative Einordnung der Platten erleichtern. Sie erfolgt subjektiv durch den jeweiligen Autor.

    Alles Gute
    Christoph

  3. posted by
    Neue Platten: Oliveray – „Wonders“ : ByteFM Magazin
    Dez 16, 2011 Reply

    […] to be surrounded by some of the brightest and nicest human beings on earth.“ Sein aktuelles Album „Felt“, aufgenommen bei Nacht in seinem Wohnzimmer, reduziert die Distanz zwischen Spieler und Hörer auf […]

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