Neue Platten: Oliver Gottwald – „Zurück Als Tourist“

Cover des Albums Zurück Als Tourist von Oliver GottwaldOliver Gottwald – „Zurück Als Tourist“ (Tapete)

7,7

Liebes Tagebuch,

ich hab lange nichts mehr von mir hören lassen, ich weiß. Das ist doof, aber es hat seinen Grund. Welchen? Nun, ich musste Musik hören. Immer und immer wieder. Da gibt es nämlich diese eine tolle neue Platte. Die läuft seit Tagen in Dauerrotation in meinem CD-Player. Ja, richtig. CD-Player. Nicht Laptop, nicht iTunes, nicht Spotify. Ich weiß nicht warum, aber ich musste das Debütalbum von Oliver Gottwald einfach als CD kaufen. Eventuell ja, weil der Klang von „Zurück als Tourist“ einfach so doll an die guten alten Zeiten erinnert.

Eigentlich will ich es gar nicht verraten, liebes Tagebuch, weil Oliver das vielleicht auch gar nicht so schön findet, wenn ich das so in die Gegend posaune, aber du wirst es ja eh hören. Der Oliver Gottwald, das ist nämlich der Sänger von Anajo. Und weil der Oliver eben klingt, wie er klingt, klingt auch sein Solodebüt so nach Anajo. Also nach früher, als man noch CDs kaufte.

Ich finde das schön. Wirklich. Das klingt so nach dem Deutschpop, mit dem ich groß geworden bin. Nach diesen latent daueroptimistischen Depressionen. Nach streichelnden Backpfeifen. Also, rein textlich. Weil, mit Worten kann Oli richtig gut umgehen. Er nennt die Dinge beim Namen und klingt doch nie pathetisch. Manchmal klingt er sogar ein bisschen nach Realpessimismus à la Christiane Rösinger. Nur, anders als bei Christiane Rösinger, unterstreicht Oliver Gottwald seine verzwirbelten Gedanken eben mit Pingpong-Pop, also hüpfenden Popeinlagen. Das ist dann ganz klassisches Strophe-1-Refrain-Strophe-2-Refrain-Refrain-Schluss-Schema. Das ist auch viel Gitarre und instrumentale Melodie gleich gesangliche Melodie. Das ist manchmal ein bisschen eingängig und dann wieder total erquickend.

Weißt du was, Tagebuch? Ich glaub ja, der Oli ist ein wilder Kerl. Wenn er bei „Perpetuum Immobile“ so echauffiert singt, beinahe kreischt, dann spitzt man da schon die Ohren. Da wird der beinahe richtig wütend. Und dann singt er doch wieder total flapsig vom menschlichen Totalausfall und rät „Reiß Dich Zusammen“. Aber richtig toll ist, wie er bei „Alter Ego“ vollkommen charmant Selbstkritik betreibt – mit Witz und quietschender Stimme und mit dem Frontalangriff aufs eigene Überego. Aber ohne zu nerven. Eigentlich echt sympathisch. Manchmal muss ich beim Zuhören fast ein bisschen über mich selbst nachdenken.

Ja, der Oliver Gottwald, das ist schon ein Schelm. Er lässt einfach alle modischen Erscheinungen links liegen und bleibt bei seinen Wurzeln des guten alten Deutschpop.

Ach, liebes Tagebuch, ich glaub, ich bin ein bisschen verliebt in Oliver Gottwald. Aber sag das bloß keinem, okay?!

Label: Tapete
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