Sleater-Kinney – „No Cities To Love“ (Rezension)

Cover Sleater-Kinney – „No Cities To Love“

Sleater-Kinney – „No Cities To Love“ (Sub Pop)

Das Problem an sozialem Fortschritt ist manchmal, dass sich seine Erben auf den Errungenschaften ausruhen. So hätten es wohl nur wenige für möglich gehalten, dass Sexismus in einer Gesellschaft, die sich aufgrund ihrer vermeintlichen Fortschrittlichkeit stets selbst auf die Schultern klopft, heute aktueller denn je ist. Doch spätestens, als im Winter 2013 der FDP-Politiker Rainer Brüderle mit sexistischen Bemerkungen eine Sexismus-Debatte auslöste und tausende Frauen auf Twitter im Rahmen der Aufschrei-Kampagne eigene Erlebnisse schilderten, wurde deutlich: Die Zeit, in der Frauen im Alltag auf ihre Sexualität reduziert werden, ist längst nicht vergangen.

Dass sich nun die US-amerikanische Pop-Punk-Band Sleater-Kinney rund 20 Jahre nach ihrer Gründung mit dem neuen Album „No Cities To Love“ zurückmeldet, könnte man auch als gutes Timing bezeichnen. Denn das Frauen-Trio gehört zu den wichtigsten Vertretern der Riot Grrrls, also der Bewegung, die Anfang der 1990er-Jahre in den USA entstand, um dem von Männern dominierten Punkrock und Fanzines eine kritische und vor allem feminine Perspektive entgegenzusetzen. Zusammen mit anderen Bands wie etwa Bikini Kill kämpften Sleater-Kinney mit ihren songgewordenen Pamphleten für feminine Selbstbestimmung, Basisdemokratie und gegen die patriarchalischen gesellschaftlichen Strukturen.

Auf „No Cities To Love“ ist das nicht anders. Dazugekommen ist eine kapitalismuskritische Haltung, gepaart mit sozialer Empathie. So handelt der Eröffnungstrack „Price Tag“ vom alltäglichen Kampf der amerikanischen Working Class.

„It’s 9 AM, we must clock in, the system waits for us, I struck the shelves, I work the roads, the products are all up“, singt Sängerin und Gitarristin Corin Tucker aus Sicht einer Supermarktmitarbeiterin, um in einem genialen Vierzeiler über die hohen Kosten von Niedrigpreisen eines der zentralen Probleme des aktuellen Kapitalismus auf den Punkt zu bringen: „We never really checked, we never checked the price tag, the cost comes in, it’s gonna be high, we love our bargains, we love the prices so low, the good job’s gone, it’s gonna be rough“. Musikalisch klingt das sich zwischen domestiziertem Punkrock und Rock ’n’ Roll bewegende Album bis auf einige Ausnahmen, wie etwa den Call-&-Response-Gitarren in „No Anthems“, eher traditionell.

Der größte Unterschied zu ihren Anfangstagen besteht darin, dass die Band nicht mehr auf einem DIY-Label, sondern auf Sub Pop veröffentlicht. Wenn ihre Botschaften damit mehr Leute erreichen sollten, ist auch der aus Sicht puristischer Punks vermeintliche Verlust der Street Credibility zu verzeihen.

Label: Sub Pop
Veröffentlichung: 20. Januar 2015

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