Zum Tod von Pete Shelley (Buzzcocks): „There‘s No Love In This World Anymore“

Pete Shelley und seine Band Buzzcocks

Pete Shelley und seine Band Buzzcocks

Als Mitte der 70er-Jahre Punk die Welt in Flammen setzte, gab es zwei popmusikalische Feindbilder: Die verkopfte Virtuosität des Prog-Rock und die Biederkeit des glattgebügelten Love-Songs. Das, was die britische Band Buzzcocks machten, gehörte eigentlich verboten: Sie waren eine Punk-Band, die Liebeslieder sang. Ihre Songs waren zwar durchaus frech und unerzogen, in denen es auch mal über die Sucht nach dem Orgasmus ging. Aber in ihrer Essenz waren es Liebeslieder, zwar in schnellem Tempo und mit viel Verzerrung vorgetragen, aber eingepackt in großartige Pop-Melodien. Buzzcocks waren die erste Pop-Punk-Band.

Der Mensch, der für diese Love-Songs am meisten verantwortlich war, war Pete Shelley. Der am 17. April 1955 in Lancashire geborene Musiker und Songschreiber gründete die Band im Jahr 1975 mit seinem Studien-Kollegen Howard Devoto. Auf ihrer zwei Jahre später veröffentlichten Debüt-EP „Spiral Scratch“ sang noch Devoto, Shelley spielte die E-Gitarre. Damals deckte sich ihr roher, konfrontativer Sound noch mit dem von Sex Pistols. Eines ihrer ersten Konzerte war tatsächlich als Vorband für die Punk-Pioniere. Kurz vor ihrem ersten Langspieler verließ Devoto die Band, um seine neue Gruppe Magazine zu gründen. Shelley wurde zum Lead-Sänger und Haupt-Songwriter – und Buzzcocks begannen, auf ihre eigene, ungestüme Art und Weise den Pop zu umarmen.

Nur vier Jahre nach „Spiral Scratch“ löste die Band sich auf und Shelley startete eine ertragreiche Laufbahn als Solokünstler. Am 6. Dezember 2018 starb er in seiner Wahlheimat Estland. Er wurde 63 Jahre alt.

Am Sonntag, den 9. Dezember, widmet Klaus Walter Pete Shelley eine Stunde Was ist Musik. Mitglieder in unserem Förderverein „Freunde von ByteFM“ können die Sendung in unserem Archiv nachhören.

Wir haben Pete Shelley in vier Songs porträtiert.

Buzzcocks – „Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn‘t‘ve)“ (1978)

In fünf Refrains, drei Strophen und weniger als drei Minuten erzählen Buzzcocks in ihrer Single „Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn‘t‘ve)“ alles, was man über das unglückliche Verliebtsein erzählen kann. Shelley wählt jedes Wort weise und schafft dabei Sätze, die einen mit ihrer Einfachheit die Schuhe ausziehen: „And we won’t be together much longer / Unless we realize that we are the same.“ Und dann gibt es noch den Refrain, diese zweistimmige Melodie, die einem sofort bekannt vorkommt – und die man nie wieder vergisst. Hätten The Beatles nicht besser gekonnt.

Buzzcocks – „I Believe“ (1979)

„Ever Fallen In Love …“ erschien 1978 als Single des zweiten Buzzcocks-Albums „Love Hurts“. Nur ein Jahr später folgte „A Different Kind Of Tension“, das eine andere Seite des Songwriters Shelley enthüllte: In der dazugehörigen Single „I Believe“ gewährte er sich und seiner Band zum ersten Mal Zeit. Anstatt einer hektischen Power-Pop-Miniatur lieferte einen siebenminütigen Verzweiflungstrip ab. „There‘s no love in this world anymore“, singt Shelley immer und immer wieder und bei jeder Wiederholung wird seine Stimme zittriger, bis beim Fade-Out nur noch ein entferntes Schreien übrig bleibt. Doch auch in diesem Depri-Punk konnten Shelley und seine Band sich nicht verkneifen, große Pop-Melodien einzuflechten: Viele Bands würden für einen Refrain, der nur halb so catchy wie die Strophe von „I Believe“ ist, wahrscheinlich ihr letztes Hemd geben.

Pete Shelley – „Sky Yen“ (1974/1980)

Doch Melodienkönig Pete Shelley konnte auch anders: 1974, bevor Buzzcocks überhaupt aktiv waren, experimentierte er in seinem Schlafzimmer mit selbstgebastelten Synthesizern und Tape-Manipulation. Das Vorbild: Die schwerelosen Kraut-Ambient-Epen von Tangerine Dream. Das Ergebnis veröffentlichte er sechs Jahre später auf seinem eigenen Label Groovy Records. „Sky Yen“ ist ein dissonanter Trip, voll mit sirenenartigen Oszillatoren und knisternden Störgeräuschen. Mitunter ist diese Fiebertraum-Musik schwer erträglich, gewährt aber einen verstörenden Einblick in das Hirn eines großen Pop-Genies.

Pete Shelley – „Homosapien“ (1981)

Shelley ging mit seiner ersten Solosingle „Homosapien“ direkt auf Provokationskurs: „I’m the shy boy, you’re the coy boy / And you know we’re homosapien too.“ Der Song wurde von der BBC aus dem Radioprogramm verbannt, da der Subtext für ihre Standards zu explizit war. Ein großer Verlust für ihre Playlisten, denn „Homosapien“ ist eine unfassbar eingängige Ode an die Ambiguität: „I don‘t wanna classify you / Like an animal in the zoo“, singt der bisexuelle Shelley. Trotz allem wurde der Song zu einem Dance-Hit – Shelleys Refrain war einfach stärker als die Kontroverse. Auch „Homosapien“ ist ein Love-Song, der abermals das Talent dieses Künstlers demonstriert: Nur wenige könnten ein gleichzeitig so perfides und so tanzbares Stück Pop-Musik schreiben.

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Andreas Kahl
    Dez 8, 2018 Reply

    The Buzzcocks waren immer die sehr erfrischenden Musiker. Punk / POP. Einfach und geradeaus. Ich liebe die Songs bis heute.Viele Lieder haben nichts von ihrer Lebendigkeit verloren.
    The Buzzcocks und The Mekons. Das waren meine „Eighties“.
    Und es passt ja zu der Lebens(vieh)losofie der Achtziger: „Wir haben unseren Körper behandelt, als wenn wir noch einen zweiten in der Garage haben“. Auch Pete Shelley ist viel zu früh verstorben. So wie viele aus der Zeit. Keine Ahnung wie es da oben weitergeht. .. Vielleicht gibt es eine gute Bar mit gut gekühlten Getränken.

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