Angel Olsen – „Phases“ (Rezension)

Cover des Albums „Phases“ von Angel Olsen (Jagjaguwar)Angel Olsen – „Phases“ (Jagjaguwar)

7,4

B-Seiten- oder Raritäten-Sammlungen gelten oftmals als musikindustrielles Recycling: Sie müssen gegen den Vorwurf verteidigt werden, lediglich die Aufmerksamkeit der Fangemeinde hoch zu halten, bis eine Künstlerin oder ein Künstler ein Nachfolgealbum zu einem erfolgreichen Release fertig hat. Auch die US-amerikanische Künstlerin Angel Olsen hat mit „My Woman“ sicherlich zu Recht eins der gefeiertsten Alben 2016 veröffentlicht. Zudem ist sie seit dem Release vor gut einem Jahr unermüdlich getourt, hat Gastauftritte absolviert (zuletzt etwa auf Alex Camerons „Forced Witness“) und ist quasi Indie-Rock-Darling der Stunde.

Mit „Phases“ gibt es nun also eine Sammlung von Album-Dropouts, Covern und Demos, entstanden im Laufe der letzten Jahre. Die 30-jährige Musikerin aus Missouri gibt zu, „Phases“ fühle sich an, als wäre ihr Tagebuch gestohlen und anschließend am Laufband massenhaft vervielfältigt worden. Die Intimität von Tagebucheinträgen scheinen die meisten enthaltenen Titel zu erreichen. Damit ist „Phases“ Olsens Debüt-EP „Strange Cacti“ (2010) sehr nah: Oftmals sind nur Hall-verhangene Gitarren und ihre eindrucksvolle Stimme Hauptakteure in den skelettalen Arrangements, wie in den bisher unveröffentlichten Stücken „How Many Disasters“ oder „Sans“. Letzteres wartet mit einer treffenden Zeile auf, die das Tour-Leben zwischen Jetlag und Soundcheck präzise zusammenfasst: „Time moves so strangely when you’re moving all the time.”

Startschuss für die ausgiebigen Tourneen von Angel Olsen und Band war allerdings nicht ausschließlich „My Woman“, sondern bereits der Vorgänger „Burn Your Fire Without Witness“ aus dem Jahre 2014. Aus dieser Schaffensphase, in der die Musikerin mit einer Mischung aus Folkrock und Grunge-Anleihen überraschte, stammen auf „Phases“ „All Right Now“ und „Only With You“, die bisher nur auf der Bonusversion ihres zweiten Albums zu hören waren.

Der entspannt von Reverb-Gitarren davongewaschene Siebenminüter „Special“, ein Dropout der 2016er Sessions von „My Woman“, zeigt eine weitere Facette in Olsens variablen Repertoire: Hier werden im letzten Drittel des Songs die Fuzz-Pedale getreten und alle Weichen Richtung Psych-Folk-Finale gestellt. Psychedelisch wird es ebenfalls auf dem Album-Opener „Fly On Your Wall“, dem aktuellsten Song, der für den Anti-Trump-Sampler „Our First 100 Days“ entstanden ist.

Da Phasen tendenziell eher als Zeitabschnitte mit klarem Start und Endpunkt wahrgenommen werden, könnte man meinen, dass auch die Stücke auf „Phases“ sich gegeneinander abgrenzen und tunlichst ein homogenes Ganzes vermeiden wollen. Ihnen allen gemein aber ist die große Intimität, mit der Olsen ihre zu unterschiedlicher Zeit entstandenen Stücke singt. Und tatsächlich zeigt uns Angel Olsen damit, was ihre „B-Sides & Rarities Collection“ auch sein kann: Eine lohnenswerte Werkschau, die sowohl die musikalischen Wurzeln als auch den künstlerischen Werdegang illustriert und somit Fans und Neulingen gleichermaßen einen gelungenen Überblick über den Output einer der interessantesten Musikerinnen dieser Zeit gibt.

Veröffentlichung: 10. November 2017
Label: Jagjaguwar

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