Hercules & Love Affair – „Omnion“ (Rezension)

Cover des Albums „Omnion“ von Hercules & Love Affair (BMG)Hercules & Love Affair – „Omnion“ (BMG)

8,0

Wollte man „Omnion“, das neue Album von Hercules & Love Affair, mit einem Kleidungsstück beschreiben, dann bitte mit einem schwarzen Lacksuit; eng anliegend, glänzend und so schweißtreibend, dass man das Teil nur noch abstreifen möchte, aber nicht kann, weil es so fest an einem klebt.

Andy Butler und seine GefährtInnen schneidern seit knapp zehn Jahren an dem Projekt Hercules & Love Affair. Stetig rotierende SängerInnen verleihen dem Lack seinen anziehenden Glanz. Alle Stimmen, alle Stimmungen werden hier präzise umspannt, denn Konformität hat unter Butlers Disco-Stern längst ausgedient. Mit dem neuen, vierten Album schlüpft das US-Kollektiv jetzt hinein, in den reizenden Dress, der zunächst nicht ganz so bequem erscheint. Schönheit und Elegie, Persönliches und Politisches sind hier nämlich fest ineinander verstrickt.

„Omnion, are you there?“, fragt eine zarte Stimme im eröffnenden Titelstück des Albums. Sie stammt von der Sängerin Sharon Van Etten, die in diesem Song in die Rolle eines Jungen schlüpft. Gender-Zuschreibungen lösen sich auf, während ihr kontemplativer Gesang über Synthies und Blechbläsern schwebt. Der süße und gleichzeitig besorgte Refrain ist zugänglich poppig. Das Kind beschwört den Gott Omnion herauf, bittet ihn um Hilfe bei seiner Suche nach Identität und Zuneigung. Nicht nur hier steht die Frage nach Schutz und Anerkennung im Raum, sie unterwandert schließlich alle elf Songs auf dem Album.

„Are You Still Certain?“ beispielsweise beschäftigt sich mit Vorurteilen über den Islam und damit einhergehenden Stigmata. Das Attentat im Pariser Bataclan, der doppelte Selbstmordanschlag in Beirut – was haben diese Geschehnisse mit dem Glauben des Islam zu tun? „Bist du dir deiner Auffassung ganz sicher? Was ist deine Wahrheit?“ – Hamed Sinno, Frontmann der libanesischen Gruppe Mashrou’ Leila, hinterfragt unsere Wahrnehmung, unser vorschnelles Urteil. Dass er dies auf Arabisch tut, bietet eine angenehme Abwechslung zur sonst so eurozentrischen Diskoszene.

Doch Andy Butler stellt nicht nur andere an den Pranger, er macht auch sich selbst angreifbar. In der Elektroballade „Fools Wear Crowns“ hebt er seine Hand, gibt zu, „what a fool I am“ und blickt damit zurück auf eine Zeit, als ihn die Drogensucht ganz unter Kontrolle hatte. Ein sehr persönlicher Song, den Butler selbst besingt. Synthesizer blitzen darin auf, umarmen die zum Schluss ertönenden Streicher. „Who’s the fool now?“, fragt er. Butler hat den Sprung geschafft und ist wieder mit sich selbst im Reinen.

Es sind Songs wie diese, die „Omnion“ aus dem üblichen Rahmen von Hercules & Love Affair heben und dem Dresscode Disco einen neuen Schliff verpassen. „Omnion“ ist ein Wechselspiel aus tanzbar und seriös, glorreich und niedergeschlagen, classy und modern. Es geht durch Höhen und Tiefen ohne jemals an Intensität zu verlieren. Jeder der Tracks spielt in den anderen hinein und ergänzt ihn um eine weitere Ebene. „Omnion“ fordert heraus. Wie ein Lacksuit eben: Er bringt dich ganz schön ins Schwitzen.

Veröffentlichung: 1. September 2017
Label: BMG



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