Robyn – „Sexistential“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 30. März 2026

Robyn – „Sexistential“

Robyn – „Sexistential“ (Young)

Im November 2023 behauptete André 3000 in einem mittlerweile legendären Interview mit GQ, dass „niemand hören wolle, wie er über seine Darmspiegelung rappt“. Der ehemalige OutKast-Rapper und neuerdings New-Age-Flötist überspielte damit – ganz klar – seine Angst vorm Altern im Musikbusiness. Eine von jungen Perspektiven und jungen Körpern besessene Branche, in der ein 50-jähriger MC aus der Reihe fällt. Auch Robyn stolperte über dieses Zitat. Die schwedische Künstlerin arbeitete gerade an ihrer neunten Studio-LP, ihrer ersten seit dem melancholischen Pop-Meisterwerk „Honey“ aus dem Jahr 2018. Und dachte sich: „Fuck it.“

„Das war genau mein Zeichen“, sagt sie über den Moment, „ich musste unbedingt über künstliche Befruchtung rappen.“ Mit „Sexistential“ hat sie nun eine gelebte Antithese zum meditativ-entschleunigten Alterswerk „New Blue Sun“ von André 3000 vorgelegt: eine emotional komplexe Platte über ihr Leben als 46-jähriger Pop-Star. Der sich nicht vorm Geburtsjahr schämt, sondern im Hier und Jetzt eine neue Euphorie verspürt.

Euphorische Bruchlandung

Robyn beschreibt das Album anderswo als eine „Bruchlandung“: „Es soll sich so anfühlen wie ein Raumschiff, das aus der Atmosphäre mit höchster Geschwindigkeit auf die Erdoberfläche crasht.“ So fühlte sich die Musikerin, nachdem sie in den vergangenen acht Jahren oftmals ziellos umherzog – nur um jetzt wieder mit sich selbst zu kollidieren. Und so beginnt auch „Sexistential“: mit einer harten Four-To-The-Floor-Bassdrum, rasselnden Arpeggiatoren und Bass-Synths, die den Klangraum zersägen.

Robyns Stimme schwebt mit dem ihr eigenen Gefühl für Pop-Melodien über dem Chaos. Sie beschreibt den Moment, in dem eine Beziehung endet: „It’s too late, there’s no one to save you / So this is were the shared experience ends“. Der komplette Crash kommt am Ende, kurz nach einem Anruf bei ihrer Mutter – in Form von digital explodierenden Gitarren, die an Adrian Belews Glitch-Soli auf Talking Heads‘ „Remain In Light“ erinnern.

Melancholie war schon immer Teil der Robyn-DNS, schließlich handelt es sich hier um die Schöpferin von „Dancing On My Own“, dem verzweifeltesten Pop-Banger aller Zeiten. Doch was kommt hier nach dem Crash? Die pure Ekstase! „Something here’s opening deep inside of me / I can finally reach it“, singt sie befreit in „Dopamine“. Gemeinsam mit ihrem langjährigen Produzenten Klas Åhlund mischt sie dazu den angezerrten Electroclash ihres Frühwerks mit House und Techno – zu einem Sound, der bei ihr noch nie so druckvoll klang.

Kein Platz für Scham

Auch für introspektive Momente ist Platz, wie in „Blow My Mind“. Der Song erschien ursprünglich schon 2002, damals noch als Liebeslied an einen Lover, doch nun, 24 Jahre später, ist es ein Liebeslied an ihren Sohn. Die Zeilen sind gleich, doch die Richtung hat sich geändert: „It’s like you’re the cloud underneath my feet / And you’re the reason that I breathe“. Und auch die Musik drumherum – hier wird ihre bedingungslose Liebe von Vocoder-Stimmen und sanfteren 80s-Pop-Throwbacks begleitet.

Und dann geht es, wie es der Titel des Albums verspricht, natürlich auch um Sex. Immer wieder und sehr explizit: „Yeah, I’m so close, I’m almost there / Want you to tell me how to do it / It’s not as good by myself“, heißt es in „Talk To Me“. Im Titeltrack erzählt sie erst von einem Gespräch mit ihrer Ärztin über die anstehende künstliche Befruchtung – nur um dann ihre eigene Lust zu feiern: „My body’s a spaceship with the ovaries on hyperdrive / Got a whole universe inside that exists in between my thighs“. Für Scham ist auf diesem Album kein Platz.

Veröffentlichung: 27. März 2026
Label: Young

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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