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Kramladen

Junge Sänger-Poeten

ByteFM: Kramladen vom 09.05.2013

Ausgabe vom 09.05.2013: Junge Sänger-Poeten

„Dein Papagei rezitiert Kant und Rimbaud und er krächzt dein Lieblingslied. In Wirklichkeit überlegt er wie er flieht. Verbotene Frucht im Mandelbaum im blütenweißen Kindheitstraum! Oder ist das alte Paradies nur ein vergoldetes Verlies?“, singt Max Prosa in seinem neuen Lied „Zauberer“ aus dem aktuellen Album „Rangoon“.

Es wird wieder gedichtet im deutschen Pop. Eine Reihe junger Sänger-Poeten ist gerade dabei, den deutschsprachigen Song mit anspruchsvoller Textlyrik und teils ambitionierter Liedform mit oftmals genüsslicher Melodik neu zu definieren. Das romantische Kunstlied wird genauso aufgegriffen wie das Folksong- und Singer/Songwriter-Idiom, Marke Dylan, Cohen & Co, aber auch Einflüsse aus Indiepop und Anti-Folk finden gleichberechtigte Verarbeitung. Doch vor allem in den Liedtexten ist ein besonderer Gestaltungswille spürbar: die Suche nach einer poetischen Sprache, die Freiraum für Assoziationen und Interpretationen lässt und daneben die persönliche Einstellung der Sänger zwischen neuer Innerlichkeit und frecher Nonchalance ausdrückt.

Der neue Held dieser jungen Sänger-Bewegung, Max Prosa, beherrscht diese Gleichzeitigkeit von Romantik und Reibung und den schnellen Wechsel zwischen gefühlvoller Poesie und rotziger Provokation. Mal singt er: „In endlos langen Morgenstunden taste ich nach dir, nur um deinen Mund zu finden.“ Mal knurrt er: „Und ich bin hier nur der Hund, der trotzig bellt.“ Was ihn umtreibt, kommt zum Ausdruck in seiner Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des seltsamen Albumtitels „Rangoon“. Max Prosa: „Ich verbinde den Namen ‚Rangoon’ mit sehr vielen Gegensätzen, einerseits unberührte Natur, Paradies am Palmenstrand, ein wunderschönes Land und eine entsprechende Mentalität der Leute, und andererseits aber auch das Militärregime, die blutige Niederschlagung von friedlichen Demonstrationen und diese Seite der Gewalt. Und diese Gegensätze haben sehr gut zu dem Album gepasst. Da gibt es auf der einen Seite Liebeslieder und das kleine Universum von zwei Menschen, und auf der anderen Seite geht es um Alles, um Probleme auf der ganzen Welt.“

Alltagspoetische Zeilen wie „Eine halbe Ewigkeit zwischen hier und Glücklichsein“ fallen dem Sänger-Gitarristen und Liederschreiber Fabian von Wegen offenbar jede Menge ein. Ein weiteres Beispiel: „Und ein Tag trägt den anderen zu Grabe. Wir haben viel zu viel und gar keine Zeit.“ Seine Texte singt er mit sanfter Stimme, um plötzlich wie ein Rohrspatz loszuplärren. Im März erschien sein aktuelles Album „Emotionale Zitrone“ mit 12 „Vertonungen von Rauschanfällen“ – wie er seine Lieder nennt. Und wenn er über die Liebe singt, muss man auf verbale Überraschungen gefasst sein: „Ja so kann die Liebe sein, arschlochmäßig saugemein.“

Mit sanften Klavierakkorden, die mehr nach Schubert und Schumann klingen als nach aktuellen Popmoden, beginnt das zweite Album „360°“ des Sängers, Pianisten und Songschreibers Johannes Falk. Der Absolvent der Mannheimer Popakademie (als „Bachelor of Arts“) bevorzugt stilistisch eine Art von melancholisch eingefärbtem Singer/Songwriter-Pop mit einer kammermusikalischen Note. Seine christliche Überzeugung spricht aus vielen seiner Lied-Texte, die er selbst als „eine Sammlung von Gedanken, Gesprächen, Situationen in der Auseinandersetzung mit dem Leben, mit Gott und der Welt“ bezeichnet. So finden sich in seinen wohl formulierten Texten auch biblische Themen, Zitate und Anspielungen, wie etwa „die Letzten werden die Ersten sein“, oder: „Ich hab lieber nasse Füße vom übers Wasser gehen / anstatt aus einem trockenen Boot dem Leben hinterher zu sehen.“

Mit dem Thema Glaube und Religion geht dagegen der Berliner Musiker Richard Lenz kritisch um. „Der Herr ist im Himmel genauso präsent wie meine dritte Hand“, so heißt es im Song „Desillusionierung“, in dem er – sprachlich ungelenk – „Konfessionen“ als „ein Alibi für hirnverbrannt“ schmäht. Das Debütalbum „Glücksschwein“ des Sängers, Gitarristen, Pianisten und Songschreibers, der zuvor schon Frontmann der Berliner Band Lenz war, ist wohl das popmusikalisch konventionellste, verglichen mit den Veröffentlichungen der zuvor genannten jungen Sänger-Poeten. Auch wenn Richard Lenz textlich mit den Vorgenannten nicht mithalten kann, findet sich dennoch ab und an eine inspirierende Zeile oder ein nettes Wortspiel – wie dieses: „Ich bin verloren, nur um gefunden zu werden / Ich bin fallen gelassen worden, nur um gut aufgehoben zu sein“.

Neben diesen aktuellen jungen Sänger-Poeten werden in dieser Kramladen-Ausgabe auch historische Aufnahmen vom Anbeginn der deutschsprachigen Popmusik zu hören sein. Soeben wurden als digitaler Download die Lieder des Frankfurter Soziologen- und Liedermacher-Duos Christopher & Michael veröffentlicht. Von ihnen erschienen zwischen 1965 und ’68 drei Langspielplatten und vier Singles. Die Beiden waren die ersten in Deutschland, die Bob Dylans frühe Protestsongs und Bürgerrechtslieder ins Deutsche übertrugen und vor großem Publikum gesungen haben – auf Ostermarsch-Veranstaltungen, in Folk-Konzerten und sogar in deutschen Fernseh-Shows. Mit ihren eigenen, selbstverfassten Liedern zwischen Folksong, Chanson und zeitgenössischem, romantischem Kunstlied haben die beiden Sänger und Gitarristen den Weg bereitet für viele deutschsprachige Songschreiber, die nach ihnen kamen. Christopher Sommerkorn, der nach seiner Sänger-Karriere Rundfunk- und Fernsehjournalist wurde, starb 2010 an Krebs. Sein Duo-Partner Michael de la Fontaine, der nach dem Ende von Christopher &Michael als Kulturwissenschaftler promovierte und für das Goethe-Institut arbeitete, veröffentlichte zwei Solo-Alben („Harlekins Sing Sang“, 1968 und „12 Jahre 12 Lieder“, 1982) und plant nach 30jähriger Plattenpause ein neues Albumprojekt.

Im Kramladen am 9. Mai: Poetische Lieder von Max Prosa, Fabian von Wegen, Johannes Falk, Richard Lenz, Christopher & Michael und Michael de la Fontaine.

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Playlist

1.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
2.  Fabian Von Wegen / Dein Dich
Emotionale Zitrone / It-Sounds
3.  Johannes Falk / Nasse Füße
360° / Gerth Medien, Asslar
4.  Max Prosa / Café Noir
Rangoon / Text Und Ton Schallplatten, Columbia
5.  Christopher & Michael / Kommt Her All Ihr Leute
Eine Dokumentation / Download
6.  Michael De La Fontaine / Aonide
Harlekins Sing Sang / Download
7.  Johannes Falk / Die Letzten
360° / Gerth Medien, Asslar
8.  Richard Lenz / So Schön
Glücksschwein / Noteworks, Alive
9.  Max Prosa / Zauberer
Rangoon / Text Und Ton Schallplatten, Columbia
10.  Fabian Von Wegen / Es Kommt
Emotionale Zitrone / It-Sounds