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Kramladen

„Too old to Rock'n'Roll“? Ian Anderson wird 70

ByteFM: Kramladen vom 10.08.2017

Ausgabe vom 10.08.2017: „Too old to Rock'n'Roll“? Ian Anderson wird 70

Seine Querflöte, das storchenähnlich angewinkelte Spielbein, der antiquierte Frack, und seine grimassierende, wild gestikulierende Show, das waren von Anfang an die Markenzeichen von Ian Anderson und damit auch von Jethro Tull. Denn der Sänger, Songkomponist, Texter, Arrangeur, Produzent und Querflötist Ian Anderson war seit der Bandgründung 1967 nicht nur der Kopf und Frontman von Jethro Tull, er war der Chef, der absolute Monarch – und für den Rest blieb nur die mehr oder weniger austauschbare Rolle der Begleitband.

Der hochbegabte, ehemalige Kunststudent Ian Anderson war es aber auch, der seiner Band ein unverwechselbares Image verlieh. Das Bild vom flötespielenden, auf einem Bein stehenden „Blues-Raben Hans Huckebein“, das Bild vom Rock-Hofnarren mit den rollenden Augen und wirren Gebärden ging um die Welt und prägte sich ein als das Logo von Jethro Tull. Seine von Grunz- und Balzlauten begleitete Überblastechnik beim Spiel der Querflöte, sein individueller, mit Schnörkeln versehener Gesangsstil, seine Kompositionen, die altenglische Burlesken, Music-Hall-Zitate und progressive Artrock-Elemente souverän verbanden, dies alles war einzigartig in der Rockmusik der frühen 1970er-Jahre, als Ian Anderson im Zenit seiner Kreativität herausragende Konzeptalben wie „Aqualung“ und „Thick As A Brick“ mit Jethro Tull produzierte. Der Albumtitel „Living in the Past” von 1972 blieb typisch für die Musik von Ian Andersons Jethro Tull bis heute.

Anderson hat unter seinem Namen auch Soloalben veröffentlicht: vom Synthesizer-dominierten Album „Walk Into The Light“ (1983), über das klassisch orientierte Album mit religiöser Thematik von 1995 „Divinities: Twelve Dances With God“, über das hoch gelobte Naturepos „The Secret Language Of Birds“ (2000), bis zum Konzeptalbum „Homo Erraticus“ von 2014. Letzteres konnte in Deutschland immerhin Platz 13 der Albumcharts erreichen.

Erfolgreicher waren über die Jahrzehnte aber die Alben, die er mit seiner Haus- und Hofband Jethro Tull eingespielt hatte. Vor 50 Jahren in Blackpool gegründet, endete die Bandgeschichte 2014, als Ian Anderson verkündete, dass er nicht mehr als Jethro Tull auftreten werde. Was ihn natürlich nicht davon abhält, nach wie vor deren großes Songrepertoire live aufzuführen. Denn er ist noch immer mit seinem „Best-of-Jethro Tull“-Programm „on the road“. So trat er erst am 29. Juli mit eben diesem Programm beim Burg-Herzberg-Festival auf; ab Mitte August ist er auf Nordamerikatournee und kommt vom 23. bis 30. September für sechs Konzerte auch wieder nach Deutschland, um anschließend in USA, Polen und England zu gastieren. Das mag belegen, dass Ian Anderson und seine Jethro-Tull-Songs noch immer eine große Anhängerschaft haben, auch wenn die herausragenden Erfolge lange zurückliegen. Doch die eigentümliche Musikmischung von Ian Andersons Jethro Tull mit Elementen aus altenglischer und mittelalterlicher Musik, Folkrock, Jazz, Prog/Artrock, Elektronik und sogar fernöstlichen Anleihen bleibt nach wie vor außergewöhnlich und reizvoll.

Aus Hunderten von Songs ist die Handschrift von Ian Anderson immer herauszuhören. Keiner singt so aristokratisch wie er, ohne affektiert zu klingen. Keiner formt seine Melodien so verschnörkelt wie ein höfischer Minnesänger aus der elisabethanischen Zeit, gleichzeitig gebrochen vom Blues und liebäugelnd mit der Gefälligkeit des Pop. Und natürlich steht keiner außer ihm mit angewinkeltem Spielbein querflötespielend auf der Bühne. Bis heute ist er die Inkarnation des flötespielenden Rattenfängers der Rockmusik.

Als Texter wird Ian Anderson schon immer unterbewertet. Viele seiner Texte haben Charme und Witz und viel Fantasie. Und schließlich hat er ein paar geflügelte Worte dem Kanon der Rockmusik hinzugefügt, man denke nur an „Too Old To Rock’n’Roll, Too Young To Die“, oder „Thick As A Brick“ („Dumm wie Bohnenstroh“).

Der Kramladen feiert ein Original der Rockgeschichte – aus Anlass seines 70. Geburtstages am 10.
August 2017.

Das Thema wird fortgesetzt in Teil 2 am 24.08.2017.

Kommentare

Herr-Ärmel vor einem Jahr
Eher durch Zufall habe ich Sie wieder gefunden. Die Liebste spürte meine Begeisterung und beschenkte mich sogleich mit einem A-Bonnement. Die alten Zeiten (T,T,T,T, etc. sind nicht vergessen.) Klasse Sendung zu Ehren Ian Andersons. Und nun werde ich die ganzen Kramläden nachhören. Lieber spät als garnicht. Herzliche Grüsse aus der Mainspitze.
Eingeloggte "Freunde von ByteFM" können Kommentare hinterlassen.

Kommentare

Herr-Ärmel vor einem Jahr
Eher durch Zufall habe ich Sie wieder gefunden. Die Liebste spürte meine Begeisterung und beschenkte mich sogleich mit einem A-Bonnement. Die alten Zeiten (T,T,T,T, etc. sind nicht vergessen.) Klasse Sendung zu Ehren Ian Andersons. Und nun werde ich die ganzen Kramläden nachhören. Lieber spät als garnicht. Herzliche Grüsse aus der Mainspitze.
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Playlist

1.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
2.  Jethro Tull / Living In The Past
The Very Best Of / Chrysalis
3.  Jethro Tull / Dot.Com
J-Tull Dot Com / Roadrunner Records
4.  Ian Anderson / Doggerland
Homo Erraticus / EMI
5.  Jethro Tull / Quizz Kid
Too Old To Rock’n’Roll
6.  Jethro Tull / Cheerio
The Broadsword And The Beast / Chrysalis
7.  Jethro Tull / Songs From The Wood
Songs From The Wood / Chrysalis
8.  Ian Anderson / Pigeon Flying Over Berlin Zoo
Rupi’s Dance / Randm Records
9.  Jethro Tull / Stormy Monday Blues
20 Years Of Jethro Tull / Chrysalis
10.  Jethro Tull / Life Is A Long Song
The Very Best Of
11.  Ian Anderson / Budapest
Ian Anderson Plays The Orchestral Jethro Tull / Zyx Music