
Jill Scott – „To Whom This May Concern“ (Human Re-Sources)
Jill Scott ist eine geduldige Frau. Das stellt die Soul-Musikerin aus Philadelphia direkt im ersten Satz ihres ersten neues Albums, dem ersten seit fast elf Jahren, klar: „I’ve been manifesting patience“. Auch in den sozialen Medien klang die Sängerin und Songwriterin bei der LP-Ankündigung im vergangenen Dezember ähnlich: „Mein Prozess funktioniert wie folgt: Ich warte, bis ich inspiriert werde. Und das braucht Zeit, bis die Wörter aus meinem Mund fließen.“ Diese Ansagen könnten, gemeinsam mit dem leicht defensiven Albumtitel „To Whom It May Concern“, ein Bild von Bescheidenheit von malen.
Doch dann prescht Song Nr. zwei „Be Great“ mit glamourösen Harfen-Arpeggios und bassigen Posaunen-Fanfaren von Gastmusiker Trombone Shorty los, während Scott mit lässigem Crooning ihre wahre Mission verkündet: „I walk into the room and let them see god“. Und man glaubt es ihr sofort.
Liebevolle und dringliche Kampfansagen
Es ist nicht so, dass Jill Scott irgendjemandem irgendetwas beweisen muss. Ihr Debütalbum „Who Is Jill Scott?: Words And Sounds Vol. 1“ aus dem Jahr 2000 gilt, zusammen mit D’Angelos „Voodoo“ und Erykah Badus „Mama’s Gun“, als Standardwerk des Neo-Soul. Auch die anschließenden LPs ihrer „Words-And-Sounds“-Trilogie sind moderne Klassiker, angetrieben von ihrem kräftigen Soul-Sopran, mit dem sie sowohl Oldschool-R&B-Balladen als auch erdigen HipHop intonieren kann.
Nach der Veröffentlichung ihrer fünften Platte „Woman“ zog sich die zweifach Grammy-prämierte Künstlerin 2015 aus dem Musikbusiness zurück – und war dennoch nie wirklich weg: Als Schauspielerin blieb sie mit starken Auftritten in bspw. RZAs Rap-Drama „Love Beats Rhymes“ oder als Teil des Casts der Comic-Serie „Black Lightning“ stets im Gedächtnis.
Und dennoch klingt Scott auf „To Whom It May Concern“ wieder hungrig. Im Verlauf der 19 Songs zeigt sie alle Facetten ihrer Neo-Soul-Kunst. Nach dem selbstbewussten „Be Great“ folgt die samtenene, den Spirit ihrer Community feiernde Ballade „Beautiful People“ mit gleichzeitig liebevollen und dringlichen Kampfansagen: „Our love is the art of war / Conquering all algorithms“. In „Norf Side“ rappt sie über einen von DJ Premier beigesteuerten Boombap-Beat Seite an Seite mit der jungen Generation (in Form von Feature-MC Tierra Whack).
„BPOTY“ ist gnadenloser Funk aus der James-Brown-Schule, während der zurückgelehnte Engtanz-Groove und Scotts beeindruckende Gesangsharmonien in „The Math“ angenehm die Armhaare aufstellen lassen. Und auch die Ausreißer sind faszinierend, wie der schwarzhumorige Dixieland-Jazz von „Pay U On Tuesday“ oder der House-Banger „Right Here Right Now“. Das hier ist kein vorsichtiges Wiederherantasten an die Musik. Das ist nicht demure und so gar nicht mindful – das ist die triumphale Rückkehr einer Soul-Ikone!
Veröffentlichung: 13. Februar 2026
Label: Human Re-Sources
