
D’Angelo – „Voodoo“ (Virgin Records)
Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick in die Vergangenheit zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2025 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Voodoo“ von D'Angelo, das in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden ist.
Michael Eugene Archer träumte oft von Marvin Gaye. Das erste Mal am 1. April 1984, an dem Tag, an dem die US-Soul-Legende von seinem eigenen Vater erschossen wurde. „Er kam direkt auf mich zu, schüttelte meine Hand, schaute mir in die Augen und sagte: ‚Schön, Dich zu sehen‘. Meine Hand ließ er nicht mehr los“, erzählte Archer später dem GQ Magazine in einem seiner seltenen Interviews. Hier teilte er auch einen weiteren Traum. Die Perspektive war anders: Gaye ging nicht auf ihn zu, sondern Archer ihm hinterher. Bis er gemeinsam mit seiner Familie in einen Whirlpool stieg und ihm wieder tief in die Augen sah: „Du fragst Dich bestimmt, warum Du immer wieder von mir träumst.“ Archer wachte auf. Und träumte nie wieder von Marvin Gaye. Es war das Jahr 1993 und der 19-Jährige hatte gerade einen Plattenvertrag mit EMI Music unterschrieben. Sein neuer Künstlername: D’Angelo.
Der Geist von Gaye ist in der Musik auf „Brown Sugar“, dem 1995 veröffentlichten D’Angelo-Debütalbum, omnipräsent. „Brown Sugar, babe, I gets high off your love / I don’t know how to behave“, croont der 1974 in Richmond geborene Priester-Sohn mit einer Sinnlichkeit, die man wahrscheinlich seit „Sexual Healing“ nicht mehr gehört hatte. D’Angelo etablierte sich sofort als multi-begabtes Genie, das Respekt vor der alten Schule hatte. Die Musik nutzte Elemente von HipHop und modernerem Nineties-R&B, doch der Spirit war durch und durch Soul und Funk.
Soul-Sound der Zukunft
Doch mit dem Nachfolger schuf er etwas, das neu und alt, Marvin Gaye und A Tribe Called Quest, nicht nur noch besser zusammenführte – sondern transzendierte. D’Angelo wollte den Soul-Sound der Zukunft finden. Dafür folgte er nicht mehr seinen Vorbildern. Sondern flog direkt über ihre Köpfe. Dieses Meisterwerk, „Voodoo“, wurde dieses Jahr 25 Jahre alt.
Die Essenz dieser Transzendenz fand D’Angelo nicht etwa im aufwühlenden Soul von Gaye, sondern in den Beats von J Dilla. Dieser HipHop-Produzent wurde durch seine händisch eingespielten Drumpatterns legendär: Ein J-Dilla-Instrumental ist nicht von digitaler Software geradegezogen, sondern immer ein kleines bisschen neben dem Takt – und dadurch unfassbar lebendig. Genau diesen gleichzeitig modernen und sehr menschlichen „laid-back“ Sound wollten D’Angelo und seine kreativen Mitstreiter (allen voran The-Roots-Drummer Ahmir „Questlove“ Thompson, sein größter musikalischer Partner auf diesem Album) rekonstruieren.
Und man muss nur einmal lauschen, wie wunderbar smooth Bassist Pino Palladino im Opener „Playa Playa“ das Metronom ausdribbelt, um zu merken, dass dieses Vorhaben meisterhaft glückte. Alle von der Rhythmusgruppe weit offengelassenen Zwischenräume sind mit Hörnern und Wah-Wah-Gitarre gefüllt und doch atmet alles ruhig, zurückgelehnt und entspannt. D’Angelos Jahrhundert-Falsett lässt hier sogar einen relativ simplen Text über Basketball erotisch wirken: „Bring the drama, playa / Give me all you got / Make your move / Shoot your best shot.“
Himmel & Hölle vereint
Sehr sexuell klingt auch der Song „Devil’s Pie“, mit seiner horny Bass-Line und dem knisternden, von DJ Premier beigesteuerten Beat. D’Angelos Kunst wurde und wird gerne als Sex-Musik abgetan (was ja an sich nichts Verwerfliches ist), nicht zuletzt auch dank des Musikvideos zum Album-Hit „Untitled (How Does It Feel?)“. Doch spätestens hier zeigt sich D’Angelo aber als komplexerer Texter, mit Zeilen, die die Beziehung des streng religiösen Priester-Sohnes zum Hedonismus reflektieren: „Who am I to justify / All the evil in our eye / When I myself feel the high / From all that I despise?“ Später kommt noch die biblische Figur Jezebel (bzw. Isebel im Deutschen) hinzu: „All them fools whose soul’s for sale / Sitting next to the Jezebel / Demons screamin‘ in my ear / All my anger, all my fear“. Himmel und Hölle sind hier nah beieinander.
Die weitere Tracklist von „Voodoo“ ist eine gnadenlose Aneinanderreihung von überragenden Momenten. Die Ballade „Send It On“, in der D’Angelos Kopfstimme den gesamten Soul-Kanon von Otis Redding über Sam Cooke bis, natürlich, Marvin Gaye channelt – und sich mühelos einreiht. Der extrem klebrige Funk-Groove von „Chicken Grease“. Das paradox betitelte „Spanish Joint“, in dem D’Angelo und seine Band für ein paar magische Sekunden plötzlich wie Fela Kutis Africa ‘70 klingen. Die besagte Single „Untitled …“, die sich im Verlauf von sieben Minuten langsam zu einem mehrstimmigen, kathartischen Höhepunkt auftürmt, den man so im R&B bis dato noch nie gehört hatte. Das spirituelle Finale „Africa“, das das Album mit abstrakt klimpernden Kalimbas zart beendet.
Ein tragisches Ende
Für Michael Eugene Archer war dieses Meisterwerk Fluch und Segen zugleich. Es gewann zwei Grammys und wurde schnell als Meilenstein der Neo-Soul-Bewegung gefeiert, doch D’Angelos neuer Status als Sex-Symbol und Genie machte ihm zu schaffen. Die folgenden Jahre waren von Drogen-Missbrauch, Depression und persönlichen Tragödien geprägt. Es sollte 14 Jahre dauern, bis er mit „Black Messiah“ endlich sein absolut ebenbürtiges drittes Album veröffentlichte. Dann starb D’Angelo am 25. Oktober 2025 im Alter von nur 51 Jahren an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ein tragisches Ende einer beispiellosen Karriere. Wer weiß – vielleicht träumt ja gerade die oder der nächste Soul-Revoluzzer*in von D’Angelo …
Veröffentlichung: 25. Januar 2000
Label: Virgin Records
