
Alice Costelloe – „Move On With The Year“ (Moshi Moshi Records)
Sehr früh auf „Move On With The Year“, dem Debütalbum von Alice Costelloe, hören wir eine Affirmation: „I am good, I’m enough, I’m surrounded by love“. Was sich wie die Caption eines käsigen Reels von Hobby-Therapeut*innen auf Instagram liest, ist für die britische Singer-Songwriterin ein essenzieller und entscheidender Glaubenssatz.
Die erste Solo-LP der einstigen Hälfte des britisch-US-amerikanischen Duos Big Deal ist inhaltlich ein sehr schweres Werk geworden. Costelloe setzt sich hier intensiv mit ihrer Beziehung zu ihrem suchtkranken Vater auseinander. Die zehn Lieder oszillieren zwischen naiv-kindlicher Idealisierung und erwachsener Enttäuschung. „Please don’t say it’s all for me“, singt sie im Opener „Anywhere Else“ – „I would rather be / Somewhere where the light gets in“. Ein Song über den Wunsch nach Abgrenzung – und das Scheitern daran. Denn: „But when I get the call from the hospital / What else can I do / But go and be with you?“
„How can I still adore you?“, fragt sie weiter in „How Can I“. Wie kann sie trotz all des Schwerzes diesen Menschen immer noch anhimmeln? Eine komplexe, traumatische Verknotung, die die Londonerin in dieser Handvoll Songs nicht aufschlüsseln kann. Und auch nicht will – denn sie wollte nicht einfach nur ein trauriges Album mit traurigen Liedern über traurige Themen schreiben. Eine wichtige Inspiration für den Balance-Akt von „Move On With The Year“ war ein Zitat ihrer kanadischen Kollegin Feist: „Wenn Du etwas oft genug sagst oder singst, wird es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.“ Um sich also nicht Lied um Lied im eigenen Leid zu suhlen, schrieb Costelloe diesen entscheidenen Satz: Ich bin gut, ich bin genug, ich bin von Liebe umgeben. Affirmation statt Manifestation.
Weitermachen als Akt des Widerstands
Die Musik, die ihre bittersüßen Zeilen umgibt, tut ihr übriges. Gemeinsam mit ihrem Produzenten Mike Lindsay (unter anderem bekannt durch seine Arbeiten mit Tunng oder Lump) hat Costelloe einen federleichten Sound zwischen Barock-, Folk- und Art-Pop erschaffen, der das Gewicht der Texte leichter wirken lässt. Der zart groovende Dreampop von „Every Time“ geht über in die schwerelos durch den Synthesizer- und Mellotron-Äther schwebende Ballade „Too Late Now“. In „If I Could Reach You“ blitzt ein wenig der Grunge und Shoegaze ihrer Big-Deal-Zeit durch, aber ohne zu explodieren – stattdessen mündet die verzerrte Gitarre in eine schillernde Wall Of Sound aus Chor und Synths.
In „Anywhere Else“ tänzeln zahlreiche Blockflöten um Costelloes gefasste Stimme. Ein wenig schief, doch in ihrer Gesamtheit strahlend schön. Ein fast schon trotziger Kontrapunkt, der auch gut zum Titel dieses Albums passt: „Move On With The Year“ impliziert ein Überleben und Weitermachen. Was angesichts von Trauma der größte Trotz sein kann. Wie Costelloe selbst am Ende des Titelstücks so schlicht und schön zusammenfässt: „In other words, I’m fine / I wake up and drink my coffee / I make it to work on time / In many ways I do alright / I move on with the year“.
Veröffentlichung: 6. Februar 2026
Label: Moshi Moshi