Caribou – „Suddenly“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Suddenly“ von Caribou

Caribou – „Suddenly“ (City Slang)

Man kennt sie: die Momente, in denen das Leben von einem Moment auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt wird. Dan Snaith kann ein Lied davon singen. Der kanadische Produzent und Songwriter hat das neue Album seines langjährigen Projekts Caribou nicht ohne Grund „Suddenly“ genannt. War seine 2014 erschienene LP „Our Love“ noch ein Gesamtwerk über die Freuden und Schwierigkeiten der Zweisamkeit, ist sein neuestes Album eine Auseinandersetzung mit plötzlichen Veränderungen. Ein Album, gefüllt mit unerwarteten Anfängen und abrupten Rissen. Voll Liebe und Tod.

„Suddenly“ beginnt mit der Ballade „Sister“. Snaiths Falsett klingt warm und einlullend, ganz nah am Ohr klebend, als würde er ein Wiegenlied singen. Doch wie so oft bei Schlafliedern deuten die Worte Unheilvolles an: „Surely you have noticed things are changing.“ Wie sich diese „Changes“ anfühlen, demonstriert der nächste Song eindrucksvoll: „You And I“ startet als strahlender Synth-Pop von der Sorte, die normalerweise in einen hymnischen Refrain mündet. Dieser kommt jedoch nie. Stattdessen zischen auf einmal desorientierende Trap-Hi-Hats und wie aufgestochene Luftballons durch den Raum schießende Synthesizer los.

Tanzbarer Trost

Das ist nur einer von vielen Momenten, in denen Snaith einem den Boden unter den Füßen wegreißt. „Sunny‘s Time“ beginnt als minimalistische Neoklassik und gipfelt in einem chaotisch zerschnittenen HipHop-Sample. Zum Tanzen einladende Tracks wie „Ravi“ oder „Lime“ werden früher oder später vom Noise verschluckt. Selbst das sonnigste Stück des Albums, das im warmen Stax-Soul-Gewand daherkommende „Home“, lässt am Ende melancholische Streicher durchscheinen. Diese Momente spiegeln die Erfahrungen, die die Songs inspirierten: Laut eigener Aussage sind es Scheidungen und Tod, sowohl im Freundeskreis als auch in der Familie.

Bei all den schweren Themen ist es verwunderlich, wie unglaublich schön und harmonisch dieses Album an vielen Stellen klingt. Das ist Absicht: „[Diese Songs] versuchen, etwas Schwieriges in etwas Beruhigendes, Bekräftigendes zu verwandeln, anstatt sich darin zu suhlen“, sagte Snaith in einem Interview. „Magpie“, ein Tribut an Snaiths langjährige Tontechnikerin, die vor Kurzem gestorben ist, ist lieblicher Barock-Pop, gespielt mit synthetischen Instrumenten. Der beatlose Abschluss „Cloud Song“ schwebt mit der Grazie der titelgebenden Wolken. Auch „Never Come Back“ ist ein Song über Verlust, klingt jedoch wie ein transzendentaler Dancefloor-Banger in der Tradition von Caribou-Hits wie „Odessa“ oder „Can‘t Do Without You“. Bei all der Trauer gewinnt hier stets die Empathie, der Trost. Es sind Songs, die zeigen, wie das Leben nach dem Schicksalsschlag weitergehen kann.

Veröffentlichung: 28. Februar 2020
Label: City Slang

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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