Digable Planets – „Blowout Comb“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Blowout Comb“ von Digable Planets

Digable Planets – „Blowout Comb“ (Pendulum / EMI Records)

Während sich das Jahr 2019 dem Ende entgegen neigt und traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2019 ein Jubiläum feiern. In dieser Woche ist es „Blowout Comb“ von Digable Planets, das in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden ist.

„Blowout Comb“ von Digable Planets ist eine Platte mit Sogwirkung. Die ersten Takte saugen einen auf. Der letzte Song spuckt einen wieder aus, und plötzlich sind viele allein mit der Frage: Warum hör’ ich das erst jetzt? Antwort: Ihr 25-jähriges Jubiläum hat sie wieder nach oben gespült, ein unterbewertetes HipHop-Glanzstück ist zurück. Ähnlich wie Buffalo-Boots oder All-Denim-Looks. Bloß ist das in diesem Fall auch uneingeschränkt gut so.
Denn die Rap-Crew aus Brooklyn, New York, bestehend aus den MCs Ishmael Butler aka „Butterfly“, Mary Ann Vieira aka „Ladybug Mecca“ und Craig Irving aka „Doodlebug“ fabrizierte mit „Blowout Comb“ eine zeitlose Mischung aus Jazz und HipHop. 1994 geriet man für diese Kombination zwar nicht zwangsläufig unter Innovationsverdacht, aber Digable Planets vereinten ein paar Eigenschaften auf sich, die etwaige Easy-Listening- oder Copycat-Vorwürfe in der Luft verpuffen ließen.

Im Opener „Slowe’s Comb / The May 4th Movement Starring Doodlebug“ kratzt eine Plattennadel über Vinyl und nach wenigen Sekunden ertönen Jazzfanfaren. Ein lässiges Schlagzeug pirscht sich an die nächstgelegene Jazzlounge heran und scheint sich dort durch den Abend shuffeln zu wollen. Die Flows von Ladybug Mecca, Butterfly und Doodlebug harmonieren mühelos und Zeilen wie „No Stars / Just Bars“, machen klar, dass für Digable Planets HipHop und das Kollektiv über dem Ego steht.

HipHop-Classics mit lässiger Agitation

Das hört sich gut weg und könnte unbeabsichtigt als Hintergrundmusik wegsortiert werden. Doch Ladybug Meccas Zeilen sind eine erhobene Faust für inhaftierte Black-Panther-AktivistInnen und zeigen, dass Digable Planets schon immer mehr waren als die Jazz-affinen HipHop-Heads. Schon unter den smoothen Jazz-Samples des Debüts „Reachin’ (A New Refutation Of Time And Space)“ ruhte ein politisches Bewusstsein in der Tradition der Black Panther und des Civil Rights Movement.

Im Gegensatz zu ihrem grammyprämierten Erstlingswerk blieb „Blowout Comb“ der kommerzielle Erfolg verwehrt. Was damals auf eine etwas magere Hit-Dichte der Platte geschoben wurde, ist heute kaum nachvollziehbar. Der um ein euphorisches Saxofon zirkelnde Beat von „Dog It“, die smoothe Liebeserklärung an Brooklyn „Jettin’“ oder „9th Wonder (Blackitolism)“ mit seinem funky-tänzelnden Gitarrenriff sind heute Klassiker des Genres. Und allesamt vollgepackt mit lässiger Agitation und Selbstermächtigung für die HörerInnen ihrer schwarzen Community.
1995 war dann wegen kreativer Differenzen erst einmal Schluss. Viera vertrieb sich solo weiterhin als Ladybug Mecca die Zeit, Irving war als Cee Knowledge & The Cosmic Funk Orchestra unterwegs und Butler nahm unter dem Moniker Cherrywine und zuletzt mit Shabazz Palaces neue Musik auf. Es folgten mehrere Reunions, aktuell sind Digable Planets seit 2016 wieder aktiv.

Ishmael Butler hat in einem Interview auf die leidige Bandnamen-Frage mal eine schöne Sache gesagt: „Wir sind alle Planeten im selben Sonnensystem, die versuchen, einander zu umkreisen.“ Dieses Gespür für die Verbundenheit der Dinge und für den Wert von Gemeinschaft und Solidarität ist in jeder Sekunde von „Blowout Comb“ zu spüren. Eine Botschaft, die in durchindividualisierten Zeiten mehr „digable“ als je zuvor erscheint.

Veröffentlichung: 18. Oktober 1994
Label: Pendulum / EMI Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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