Helado Negro – „Phasor“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Phasor“ von Helado Negro, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Helado Negro – „Phasor“ (4AD)

Psychedelisch, experimentell und vielschichtig, bald folkloristisch und auf sanfte Weise funky gestaltet sich unser Album der Woche „Phasor“. Mit diesen Eckdaten arbeitet Roberto Carlos Lange im Prinzip seit 2009, als er sein Debütalbum als Helado Negro herausbrachte. Was sich aus einer schier unerschöpflich anmutenden Vielfalt musikalischer Einflüsse speist, bettet der US-amerikanische Musiker seit jeher elegant und behutsam in seinen wattigen Trademark-Sound. So verband sein Erstling „Awe Owe“ lateinamerikanische Popmusik der 50er bis 70er in minimalelektronischen Loops mit Kraut- und folkigem Post-Rock. Was auf dem Papier verkopft und latent stressig anmuten mag, entfaltet in der Umsetzung einen angenehmen, hypnotischen Sog. Stand anfänglich noch die Atmosphäre im Vordergrund, erschloss sich Helado Negro über anderthalb Jahrzehnte das Song-Format. Zwar behielt der Sound seine Fluffigkeit, die als harmlose Zerbrechlichkeit zu lesen allerdings ein Trugschluss wäre.

Manchmal verbirgt sich unter der flauschigen Oberfläche sogar offen Politisches. Besonders plakativ war in dieser Hinsicht etwa Langes 2015er Song „Young, Latin And Proud“, aus dem die Erfahrung des Künstlers sprach, als Sohn ecuadorianischer Eltern in Florida aufzuwachsen. Als er 2019 die LP „This Is How You Smile“ veröffentlichte, rückte er ebenfalls oft sein kulturelles und familiäres Erbe ins Zentrum. Weniger Nabelschau fand sich zwei Jahre später auf dem lebensfreudigen „Far In“, Helado Negros bislang letzter LP. Mehr als zuvor umarmte er hier den Groove. Manchmal nahm das die Gestalt von funky Slow-Jams an; „Outside The Outside“ war sogar eine clubtaugliche Nummer, wenn auch mit der Melancholie eines Arthur Russell. Aber auch dessen klanglichen Forschungsgeist schien Lange aufgesogen zu haben. Während hier noch eine gewisse Kontinuität im Œuvre sichtbar war, beginnt das neue Album nun mit einem relativ krassen ästhetischen Bruch.

Kleinste Details und Synth-Magie

Das nerdig betitelte „LFO“ eröffnet das Album mit einem scheppernd-krautrockigen Motorik-Beat unter angezerrten Gitarren. Die Abkürzung spielt auf einen Klangsynthese-Baustein an, einen niederfrequenten Oszillator. Die wichtigere Dimension ergänzt der Titelzusatz „Lupe Finds Oliveros“. Zunächst wird die Geschichte dadurch für Uneingeweihte noch nerdiger. Lassen wir uns also einweihen. Das O steht für die Klangmeditationspraktikerin Pauline Oliveros. Deren Konzepte von „Deep Listening“ und klanglicher Achtsamkeit stellen das Gegengift zum endlosen Smartphone-Scrollen, das dem Protagonisten des Songs die Zeit stiehlt. Das L wiederum spiegelt die klangliche Ebene und steht für Lupe Lopez, die in den 1950ern Gitarrenverstärker für Fender baute. „Lupes Verstärker sind sehr begehrt, ihre Sorgfalt und ihr Fingerspitzengefühl haben diesem Design offenbar einen besonderen Klang verliehen“, erläutert der Musiker. Er habe sich „in [ihre] Geschichte, Erbe und Mythologie verliebt. Wie die Feinheiten des Handwerks uns so tief berühren. Die Liebe zum Kleinstdetail macht den Unterschied.“

Exemplarisch für das Album steht dessen rockiger Opener allerdings nicht. Aber die Detailverliebtheit, von der Lange spricht, ist auch konstitutiv für den Albumsound. Was sich nämlich zu einem scheinbar mühelosen, geschmackvoll-anschmiegsamen Ganzen fügt, ist das Resultat kleinteiliger Arbeit. Gleich der zweite Song „I Just Want To Wake Up With You“ entpuppt sich beispielsweise bei näherem Hinsehen als hochkomplexes Geflecht. Rhythmen aus unterschiedlichen akustischen und synthethischen Spären schichten sich klackernd und unprätentiös übereinander, und je achtsamer man zuhört, desto mehr Synthesizer-Schichten erschließen sich. Zu „Phasor“ inspirierte Lange besonders ein Besuch des Sal-Mar-Projekts, eines Synthesizers von 1969, der als erste Kompositionsmaschine der Welt gilt. Dort erkannte er die „Neugier auf den Prozess und das Ergebnis“ als treibende Kraft seines Schaffens. Für ihn sind die Songs „die Früchte, aber ich liebe das, was unter dem Schmutz liegt. Den ungesehenen magischen Vorgang.“

Akustischer Sog

In Aktion hören wir die Zaubermaschine Sal Mar in dem Stück „Wish You Could Be Here“. Darin stellt Lange unter Beweis, dass die Triebfeder seiner Technikfaszination letztlich im Dienst eines emotionalen Persönlichkeitsausdrucks steht. Denn die Maschinenkomposition und der perkussive 808-Rhythmus, der wie ein seiner Kickdrum beraubter House-Beat wirkt, rahmen seinen sehnsüchtigen Gesang. In Langes impressionistischen Lyrics werden die Straßen mit der alle Wunden heilenden Liebe der vermissten Person geflutet. Im langsamen groovenden „Best For You And Me“ wiederum umspielt und kontrapunktiert ein Klavier wohlklingend, aber ohne erkennbare Linie den Synth-Bass. Fast wirkt es, als wären vertraute Elemente am selben Ort gefangen. Doch in derselben Welt sind sie nicht mehr zu Hause, wie die Eltern des Protagonisten: „Mom’s asleep / Dad’s not home / It’s what’s wrong.“

„Phasor“ ist ein Album, das von der Suche nach seelischem Frieden spricht und diesen in der Achtsamkeit findet. Sei es im Umgang mit anderen Menschen oder im „Deep Listening“, zu dem es einlädt, ohne sich allerdings dem Konsum als akustisches Beiwerk in den Weg zu stellen. Doch es lohnt, sich dem akustischen Sog hinzugeben.

Veröffentlichung: 9. Februar 2024
Label: 4AD

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:



Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Faulenser
    Feb 17, 2024 Reply

    Einfach geil

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.