
Jonathan Jeremiah – „We Come Alive“ (PIAS)
Jonathan Jeremiah spielt keine Musik, die einer*m neue Horizonte öffnet oder große Offenbarungen über den Status quo enthüllt. Nein, die Spezialität des britisches Musikers ist eine andere: Songs, die sich wie der kuschelige Lieblingspulli sanft an die Haut schmiegen und die Kälte dieser Welt ein bisschen auf Abstand halten. Das war schon so bei seinem noch im recht minimalistischen Singer-Songwriter-Stil produzierten Debütalbum „A Solitary Man“ (2011) – und wurde, mit Zugang zu großen Orchestern, mit jedem nachfolgenden Werk immer intensiver. Und „We Come Alive“, sein sechstes Studioalbum, ist sein Meisterstück in Behaglichkeit.
„Morning’s come and it’s brought the sun along“, singt Jeremiah als erste Zeile des Albums in „Here With Me“. Wie bereits angedeutet, ist das keine umwerfende Lyrik. Doch die golden glänzenden Streicher-Wolken und die in eleganter Soft-Rock-Manier groovende Rhythmusgruppe lässt sie trotzdem offenbarend wirken. Nach diesem elegischen Einstieg geht es in „Kolkata Bear“ schwungvoller weiter, mit Blue-Eyed-Soul, der auch von The Box Tops stammen könnte.
Meisterstück in Behaglichkeit
Jeremiahs Baritongesang erstrahlt auf „We Come Alive“ in voller Pracht, mal mit kraftvollem Crooning wie in „Love(r)“, dann wieder etwas zarter und bedachter, wie im an Cat Stevens erinnernden „There’s No Stopping Me“ oder in „Lorraine And The Mermaid“, wo seine Stimme ein bisschen in Richtung Nick Drake ausschlägt. So sorgt er stets für das richtige Maß an Zerbrechlichkeit, um nicht komplett dem Kitsch zu verfallen (was nicht bedeutet, dass diese Musik komplett ohne Kitsch auskommt – Gast-Trompeter Till Brönner lässt den Titeltrack etwas in Richtung käsiger Jazz-Rock ausschlingern).
Das Schönste an dieser Wohlfühlkunst ist, dass sie nicht nur ausschließlich Wohlsein erzeugt. In den elf Songs steckt auch viel Schmerz: Jeremiah versucht, auf „We Come Alive“ den Tod seines Vaters zu verarbeiten. In „The Suntrap“ exploriert er die von Unterdrückung gezeichnete Geschichte seiner irischen Vorfahren. Dieser Pullover ist nicht nur überaus kuschelig – er ist auch mit komplexen Mustern versehen, bei denen es sich durchaus lohnt, genauer hinzusehen.
Veröffentlichung: 7. November 2025
Label: PIAS
