Liam Bailey – „Zero Grace“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Zero Grace“ von Liam Bailey, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Liam Bailey – „Zero Grace“ (Big Crown Records)

Es gab mal eine Zeit, in der Liam Baileys Stimme aus teuren Hi-Fi-Speakern durch ausverkaufte, von Neonlicht erleuchtete Stadien schallte. Schwer zu glauben, startete die Laufbahn des in Nottingham geborenen jamaikanisch-britischen Singer-Songwriters doch mit Soul-Tapes, die er zu Hause aufnahm. Für seine ersten professionellen Aufnahmen arbeitete Bailey schließlich mit Big-Crown-Records-Gründer und Retro-Sound-Meister Leon Michels zusammen. Seinen kommerziellen Durchbruch erlebte er allerdings zu Beginn der Zehnerjahre in einer ganz anderen Welt: Als Feature-Gast auf zwei überaus erfolgreichen Singles des Bombast-EDM- und -Dubstep-Duos Chase & Status.

Es folgten Deals mit großen Labels wie Polydor und Sony. Was erst einmal wie eine Erfolgsstory klingt, fühlte sich für Bailey aber ganz anders an. Die Major-Labels hatten eine klare Vorstellung davon, wie er zu klingen und zu sein hatte. „Ich dachte: ‚Bestimmt kann ich mich irgendwie damit arrangieren’“, sagt Bailey rückblickend über diese Zeit. „Doch schnell merkte ich: Nein, das kann ich nicht.“

Knisternd wie ein Kaminfeuer

Nun, über ein Jahrzehnt später, klingt Liam Baileys Stimme nicht mehr nach Stadion. Im Gegenteil. Sein 2020er Soloalbum „Ekundayo“ brachte ihn wieder mit Produzent Michels zusammen – und mit ihm kam auch dessen typisch knarzenden Analog-Lo-Fi-Sound. Auf dieser LP erkundete Bailey auch seine jamaikanischen Wurzeln, sprich: Reggae, Rocksteady und Dub (die Bailey und Michels auch ein Jahr später auf der dublastigen Neu-Aufnahme „Ekundayo Inversions“ weiter vertieften). Und genau hier machen die beiden mit dem Nachfolger „Zero Grace“ weiter: mit zwölf neuen Tracks, die knistern wie warmes Kaminfeuer.

All diese Songs oszillieren zwischen Soul und Reggae – aber jeder auf seine eigene Art und Weise: Der Opener „Holding On“ klingt musikalisch wie eine Otis-Redding-Ballade, wird aber durch Baileys akzentuierten Gesang klar im jamaikanischen Erbe verordnet. Auch „Dance With Me“ tänzelt zwischen Lovers Rock und Stax Records, während Stücke wie „Sekkle Down“ oder „Sour Wine“ stärker in Richtung Reggae ausschlagen. Bailey vergisst auch nicht die politischen Dimensionen dieser musikalischen Traditionen: In „Mercy Tree“ beschreibt er seine Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus – und wie wir ihn als Gesellschaft vielleicht überwinden könnten.

Die durchaus dispersen Stücke werden alle von Michels konsequentem Lo-Fi-Sound zusammengehalten. Der im Reggae und Dub so wichtige Bass wird von ihm weniger in die Tiefen und eher in die Mitten verlagert – und das funktioniert erstaunlich gut. Mehr Knistern statt Wummern. Das bisher stärkste Stück der Bailey-und-Michels-Zusammenarbeit ist aber „Dumb“, ein feuriges Stück Conscious-Soul, in dem Baileys Stimme kurz vorm Übersteuern ist – und dabei aber nicht punkig-aggressiv, sondern nach purer Leidenschaft klingt. Mit diesen Klängen wird Bailey bestimmt nie den kommerziellen Erfolg seiner EDM-Vergangenheit erreichen. Dafür scheint er sich aber pudelwohl zu fühlen.

Veröffentlichung: 23. Februar 2024
Label: Big Crown Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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