Little Simz – „Sometimes I Might Be Introvert“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Sometimes I Might be Introvert“ von Little Simz, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Little Simz – „Sometimes I Might Be Introvert“ (Age 101)

Wie klingt Introvertiertheit? Definitiv nicht so wie „Introvert“, der Song, der „Sometimes I Might Be Introvert“, das neue Album von Little Simz eröffnet. Die ersten Töne ihrer mittlerweile vierten LP klingen triumphal. Snare-Drums trommeln einen pompösen Marsch. Die Bläser spielen erhebende Fanfaren. Und wenn die Londoner Rapperin mit ihrem ultrapräzisen Flow die Szenerie betritt, klingt das nicht wie der innere Monolog einer introvertierten Person – sondern wie die Ankunft einer Königin.

Doch dann hört man dem Text zu. „I need a licence to feel / Internal wounds and I’m not tryna be healed“, heißt es da. Simbiatu Ajikawo, wie Little Simz mit bürgerlichem Namen heißt, rappt mit dominierendem Selbstbewusstsein. Doch die Wörter sprechen eine andere Sprache: „I hate the thought of just being a burden / I hate that these conversations are surfaced / Simz the artist or Simbi the person? / To you I’m smiling, but really, I’m hurting.“ Später stellt Ajikawo ihre eigene Karriere infrage: „Was it worth it?“

Diese Dissonanz zwischen Text und Musik ist natürlich gewollt. Little Simz hat das opulenteste Album ihrer Karriere geschaffen. Ein vor Details überbordendes Stück HipHop-Kunst, das in vielen Momenten durchaus an Deltron 3030s selbstbetitelten Barock-Rap-Meilenstein erinnert. Es ist nicht nur ihr musikalisch aufwändigstes Album, es wirkt auch wie ihr intimstes. Das ist erst einmal ein ziemlicher Flex – ein bisschen so, als würde man für eine intime Poesie-Performance einen prunkvollen Ballsaal mieten.

Opulente Unsicherheit

Doch Ajikawo weiß, wie viel Kraft in dieser Dissonanz steckt. Sie rappt über ihre Jugend als „Little Miss Simbi“, umgeben von barocken Pianos. In „Standing Ovation“ beschreibt sie ihre eigene Unsicherheit, während um sie ein Meer aus Streichinstrumenten und Harfen kreist. Die Musik treibt ihre Texte in höhere Stratosphären, verwandelt die persönliche Introspektion in universell fühlbare Geschichten. Gleichzeitig wird dieser Barock-Rap immer wieder von Bangern unterbrochen, wie sie schon auf der Vorgängerplatte „Grey Area“ zu finden waren. In ihnen stellt Ajikawo ihren ultrapräzisen Shittalk meisterhaft zur Schau. Langweilig wird dieses 19 Songs schwere Mammutprojekt zu keinem Moment.

Außerdem versteht es Ajikawo, im richtigen Moment von der Mikro- zur Makroebene zu wechseln. „What’s at stake is bigger than me / Blood, tears, how it stains, can’t rid it with ease / What we have in common is our pain, we’re given the keys / To unlock what it takes to fight for what we believe in“, heißt es in „I Love You, I Hate You“. Wie viele Introvertierte vergisst Ajikawo nie, dass es hier um mehr geht als nur um sie. „Sometimes I Might Be Introvert“ mag opulent und vielleicht auch ein bisschen größenwahnsinnig klingen. Aber es verliert nie den Boden unter den Füßen.

Veröffentlichung: 3. September 2021
Label: Age 101

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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