Mobb Deep – „Infinite“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 13. Oktober 2025

Cover des Albums „Infinite“ von Mobb Deep

Mobb Deep – „Infinite“ (Mass Appeal Records)

Prodigy war noch nicht einmal alt genug, um in den USA legal Alkohol zu kaufen, als er den East-Coast-HipHop umkrempelte. „I’m only nineteen, but my mind is old / And when the things get for real, my warm heart turns cold“, rappte er 1995 gemeinsam mit seinem Mitstreiter Havoc in „Shook Ones, Pt. II“, der Durchbruchssingle ihres gemeinsamen Duos Mobb Deep. Die beiden Künstler aus Queens zählten Mitte der 90er-Jahre zur Speerspitze einer neuen Bewegung aus MCs, die besonders harte Straßen-Verse mit messerscharfen, knisternden Beats kombinierten. Sie waren die „official Queensbridge murderers“, die klare Pläne für all die sich mit dem neuerdings sehr profitablen Rap-Game schmückenden Poser hatten: „For all of those who wanna profile and pose / Rock you in your face, stab your brain with your nose bone.“

Das zweite Mobb-Deep-Album „The Infamous“ gehörte zum schlichtweg realsten was man seinerzeit hören konnte – einer der absoluten Klassiker des NYC-Hardcore-HipHop, der auch über 30 Jahre später die Wände zum beben und das Blut zum gefrieren bringt. „Now we all grown up and old, and beyond the cops‘ control / They better have the riot gear ready / Tryin‘ to bag me and get rocked steady.“

Telepathisches Zusammenspiel

Doch es war nicht nur die viszerale Lyrik, die Mobb Deep zu einem der besten Acts ihrer Generation machte, sondern auch das telepathische Zusammenspiel zwischen diesen beiden Künstlern. Havocs tiefer, erdiger Flow ergänzte sich perfekt mit Prodigys etwas höher intonierten, aber deutlich härteren Raps. Gemeinsam mit den (oftmals von Havoc selbst produzierten) eiskalten Instrumentals entstand ein ansteckend selbstbewusster Sound, der Mobb Deep noch über „The Infamous“ hinaus zu einer Institution machte.

Beide MCs veröffentlichten auch zahlreiche Soloplatten, doch am stärksten waren sie stets zusammen. Doch dann starb Prodigy, bürgerlich Albert Johnson, am 20. Juni 2017 im Alter von nur 42 Jahren einen plötzlichen und tragischen Tod. Nun, über acht Jahre später, gibt es eine letzte Gelegenheit, diese legendäre Chemie noch einmal zu spüren – mit dem posthumen neuen Mobb-Deep-Album „Infinite“.

Eine posthume LP ist ja immer ein schwieriger Balanceakt zwischen erfreulichem Wiedersehen und Wiederverwertung von Material, das nicht ohne Grund bislang unveröffentlicht geblieben ist – und damit verbundener Ausschlachtung von verstorbenen Legenden. „Infinite“ fällt – glücklicherweise – in erstere Kategorie, wahrscheinlich weil hier kein ausschließlich profitorientes Estate oder Label die kreative Kontrolle hält, sondern Havoc höchstpersönlich. Er produzierte den Großteil der Tracks und hält den künstlerischen Nachlass Prodigys in sicherer Hand. Bislang nie gehörte Strophen werden in neue Songs verwoben, unter dem wachsamen Auge eines guten Freundes.

Blutrünstig & liebevoll

Und Havoc ist nicht der einzige Wegbegleiter, der hier zu hören ist: Vier der 15 Songs wurden von ihrem langjährigen Produzenten The Alchemist geschmiedet, während mit Nas einer der wenigen MCs auf drei Tracks featured, der damals in derselben Liga wie Mobb Deep rappte. Auf der Hymne „Clear Black Nights“ gastieren ihre New Yorker Hardcore-HipHop-Kollegen Raekwon und Ghostface Killah. Und auf „The M., The O., The B., The B“, dem härtesten Banger des Albums, hören wir Big Noyd, der seit dem Mobb-Deep-Debüt „Juvenile Hell“ von 1993 auf jedem Studioalbum des Duos rappte. Die Stimmen der Oldheads werden mit jüngeren Talenten kontrastiert – vom immer schon stark von Prodigy und Havoc beeinflussten Duo Clipse bis zu samtenen R&B-Hooks von den Sängerinnen H.E.R. und Jorja Smith.

Havoc und Prodigy klingen auf dieser Platte so wunderbar blutrünstig wie eh und je: „I’m no bully, I don’t prey on weaklings / You speakin’ like you tough, get treated like you mean it“, rappt Havoc in „Score Points“. Prodigy klingt in der Single „Against The World“ immer noch so, als wäre die Eroberung New Yorks sein einziges Ziel: „New York is just one crumb on the map, one crumb ain’t a lot / You happy with that piece? I’m gonna need that pie.“ Nicht alle seiner Verse sind technisch gesehen neu (so stammt seine Strophe in „Taj Mahal“ beispielsweise aus seinem Solo-Deep-Cut „Night Life“ von 2011) – doch der Kontext ändert alles. Man sollte sich niemals vom harten Sound täuschen lassen: „Infinte“ ist vor allem ein liebevoller Gruß an einen verstorbenen Freund.

Veröffentlichung: 10. Oktober 2025
Label: Mass Appeal Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentare
  1. posted by
    Vincent Lindig
    Okt. 13, 2025 Reply

    Whoah, was für eine wunderbare Rezension! Große Worte für einen großen Abschied eines großen Duos. Chapeau für die Beschreibung, ich geh direkt nochmal das Album hören!

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