
Say She She – „Cut & Rewind“ (Drink Sum Wtr)
Disco hat – wie ein Großteil der Tanzmusik – einen überaus utopischen Charakter. Nicht so wütend und aufwühlend wie Funk und Soul, sondern eher versöhnlich, umarmend. Ein Genre, das den gemeinsamen Moment des Verschmelzens auf der Tanzfläche zelebriert. Und das trotz der friedlichen Grundhaltung eine Zielscheibe für zahlreiche konservative Rock-Fans darstellte – nicht zuletzt dank seiner zahlreichen queeren und afroamerikanischen Protagonist*innen. Die Gegenbewegung fand ihren Höhepunkt in der „Disco Demolition Night“, als am 12. Juli 1979 der prominente Disco-Hasser und Rock-DJ Steve Dahl gemeinsam mit tausenden Gleichgesinnten inmitten des Comiskey-Park-Stadions in Chicago eine Kiste voll Disco-Platten in die Luft sprengte. Disco-König Nile Rodgers verurteilte die Aktion als eine „Bücherverbrennung“, während Rolling-Stone-Journalist Dave Marsh von einem „sexistischen, rassistischen und homophoben Mob“ sprach.
Kampfeslustige Disco-Utopien
Gut 45 Jahre später, begeben sich Say She She noch einmal auf das Feld des Comiskey Parks. „I never had that disco life“, singt das New Yorker Trio auf seinem neuen Album „Cut & Rewind“ – und beginnt von einem „Spielfeld“ zu träumen, auf dem wir alle frei sein können. Die Musik, die Piya Malik, Sabrina Mileo Cunningham und Nya Gazelle Brown dabei umgibt, ist so Disco wie Musik nur sein kann. Der Oktav-Bass und die Chickenscratch-Gitarre grooven mit trotzigem Stolz, genau wie die eng umschlungenen Harmonien der drei Sängerinnen. Und schon ist die Mission von Say She She klar: Sie bringen die Utopie in die Disco zurück.
Protest und Groove hingen bei Say She She schon länger zusammen, wie der Polit-Funk der vorigen LP „Silver“ eindrucksvoll demonstrierte. Genauso selbstbewusst übersetzen sie auf „Cut & Rewind“ Disco in die schmerzhafte Gegenwart: „Under The Sun“, „Take It All“ und „Do All Things With Love“ klingen beim ersten Hören wie astreine, originalgetreue 70er-7-Inches. Die schon von den ersten Alben bekannte Begleitband bestehend aus Dan Hastie, Sam Halterman, Dale Jennings und Sergio Rios spielt mit liebevoller Präzision; Maliks, Cunninghams und Browns Stimmen sind auf komplexe Art und Weise miteinander verwoben. Die Songs offenbaren aber bei genauerer Betrachtung auch eine tagesaktuelle Wut. „Seems like everybody’s / Out there having fun / Living in the sunshine / Live under the gun.“ Bedrohliche Bilder, verborgen unter den sonnigen Harmonien – und ein utopischer Kampfgeist: „Power is a light source / When it comes correct.“ So aufwühlend klang Disco lange nicht.
Veröffentlichung: 3. Oktober 2025
Label: Drink Sum Wtr
