The Notwist – „Vertigo Days“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Vertigo Days“ von The Notwist, das unser ByteFM Album der Woche ist.

The Notwist – „Vertigo Days“ (Morr Music)

The Notwist ist eine Band wie ein Uhrwerk. In vielerlei Hinsicht. Seitdem die bayerische Band mit ihrem 2002er Introvertiertheits-Meisterwerk „Neon Golden“ zum international gefeierten Kritikerdarling wurde, arbeitet die Gruppe um die Brüder Markus und Micha Acher in einem zutiefst zuverlässigen Rhythmus. Alle sechs Jahre erscheint eine neue Studio-LP. 2008 veröffentlichten sie das laute Stürme und zarte Wiegenlieder vereinende „The Devil, You + Me“, 2014 folgte der frisselige Electronica-Pop von „Close To The Glass“. Es braucht nun einmal Zeit, solche detailgenau komponierten Werke zu konstruieren. Ihre Musik besteht aus filigranen Einzelteilen, aus elektronische Microgrooves und spindeligen Gitarren. Markus Achers entrückte Stimme scheint von außen auf diese Konstruktionen zu schauen. So als wäre er der Einzige, der sie wirklich ganz versteht.

Etwas mehr als sechs Jahre nach „Closer To The Glass“ demonstrieren The Notwist ihre neueste Konstruktion. Sie heißt „Vertigo Days“. Ihr achtes Studioalbum (Experimente und Soundtracks wie „Storm“ und „The Messier Objects“ ausgenommen) kommt als besonders vertracktes Exemplar daher: Die Songs greifen wie Zahnräder ineinander, ergeben ein frickeliges Ganzes. Schnipsel und Elemente werden etabliert und wieder aufgegriffen. Analoge Bläser und Streicher kreisen um elektronisches Geblubber und stoische Grooves.

Eine Band wie ein Uhrwerk

Mehr als sonst arbeiten The Notwist mit internationalen Gastmusiker*innen. Saya von der japanischen Avant-Pop-Band Tenniscoats leiht dem Krautrock-Trip „Ship“ ihre Stimme und kehrt im Abschluss „Into Love Again“ an der Melodica zurück. Die Jazz-Musikerin Angel Bat Dawid aus Chicago spielt im Outro einer anderen Kraut-Exkursion, „Into The Ice Age“, ein wehmütiges Klarinetten-Solo. Die flirrende Electronica-Hymne „Al Sur“ wird von der argentinischen Folktronica-Künstlerin Juana Molina gesungen. Der US-Musiker Ben LaMar Gay singt in „Oh Sweet Fire“ mit einer eindringlichen Bassstimme ein Lied von zwei Menschen, die sich inmitten eines Protestmarsches verlieben. Die musikalische Basis ist ein staubtrockener Bass-Groove. Im Hintergrund flirren dissonante Streicher wie ferne Sirenen.

Bei all der Vertracktheit verliert die Band aber in keinem Moment ihre beste Qualität: Ein The-Notwist-Album wäre kein The-Notwist-Album ohne Schönheit. Auf „Vertigo Days“ liefern sie umwerfende Momente im Minutentakt. Das fast wie ein Folk-Song anmutende „Into Love / Stars“, dessen genauso schlichte wie herzzerreißende Melodie im Album-Finale „Into Love Again“ wiederkehrt. Das sich langsam zu epischer Größe aufbauende „Loose Ends“. Die mit sanfter Polyrhythmik verzierte Indie-Pop-Ballade „Where You Find Me“. Das ist das Geheimnis eines Uhrwerks: Es ist unglaublich komplex konstruiert, lässt sich das aber überhaupt nicht anmerken.

Veröffentlichung: 29. Januar 2021
Label: Morr Music

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    HOLGER HOFMANN
    Feb 9, 2021 Reply

    Guten Abend . Ich bin irgendwie aus den Wochen Newsletter gerutscht . Das ich wieder Woche für Woche auf den laufenden gehalten werde , wäre mir schon eine Freude , als Freund von BYTE FM . Wünsche gute Neuentdeckungen an Sounds 2021 , eine Byte FM Viertel Jahreszeitschrift und Tonnenweise , Gesundheit .

    • posted by
      ByteFM Redaktion
      Feb 10, 2021 Reply

      Lieber Holger, danke für Deine Nachricht – und Deine Unterstützung! Dass Du den Newsletter nicht mehr erhältst, ist natürlich keine Absicht. Sehr gerne nehmen wir Dich wieder in den Verteiler auf. Viele Grüße, Dein ByteFM-Team.

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