Tune-Yards – „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ (Album der Woche)

Cover von Tune-Yards - I Can Feel You Creep Into My Private Life

Tune-Yards – „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ (4AD)

Seit ihrem 2009er Debüt „Bird-Brains“ suchen Tune-Yards immer wieder nach neuen Möglichkeiten, den rostigen Wagen „Pop-Song“ mit kindlicher Neugierde gegen die Wand zu fahren. Auf seinem vierten Album „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ treibt das US-amerikanische Duo diesen frenetischen, bipolaren Art-Pop auf die Spitze: Zwölf Songs, die zwar zum ekstatischen Tanz einladen, einen dabei aber nie vergessen lassen, dass der Dancefloor jederzeit explodieren könnte.

Diese Instabilität findet sich schon im Entstehungsprozess dieser Songs: Frontfrau Merrill Garbus baut ihre zappligen Instrumentals aus dutzenden Loop-Schichten. Anstatt von 808s oder anderen Drum-Maschinen bilden analoge Samples von Ukulelen, Handclaps und zahlreichen Percussion-Instrumenten den treibenden Motor. Diese Beats sind nicht vom Computer ins Raster gehämmert, diese Beats atmen, zittern und schwanken – und geben damit den Songs eine aufregende, unruhige Energie.

Nirgendwo wird dieses Wechselspiel zwischen Pop und Manie klarer als in „Heart Attack“, dem ersten Song des Albums: Angetrieben von einer unwiderstehlichen Bassline lässt Garbus ihrem ekstatischen Gesang freien Lauf, der im einen Moment wie Nina Simone und im anderen Moment wie die Aliens aus Tim Burtons Sci-Fi-Klamauk „Mars Attacks“ klingen kann (Stichwort: „You‘re giving me a heart attack-ack-ack“). Und in der Bridge kommt dann alles doch noch ganz anders: Plötzlich lamentiert sie über dramatischen „Eleanor-Rigby“-Streichern „I‘m only human“, auf einmal öffnet sich der Song für eine große Verletzlichkeit.

Mit dem noisigen Avantgarde-Dub von „Who Are You“ und der Gospel-Funk-Miniatur „Hammer“ gelingen Tune-Yards auch ein paar subversive Genre-Experimente. Garbus verweist bewusst auf Klischees, um sie dann mit ihrer Loop-Maschine Schicht für Schicht zu demontieren.

Genau diese Bipolarität macht „I Can Feel You Creep into My Private Life“ zu so einem aufregenden Hörerlebnis: Selbst die geradlinigeren Pop-Nummern wie die Singles „ABC 123“ oder „Look At Your Hands“ brodeln vor unterschwelliger Spannung, als würde der stampfende Beat jederzeit einen bedrohlichen Haken schlagen können. Auf diesem Album ist nichts wie es scheint.

Veröffentlichung: 19. Januar 2018
Label: 4AD

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