Das Ende der Party? Die AIDS-Krise und ihr Einfluss auf die Popkultur

Foto einer Regenbogenfahne, die im Wind weht

Der Juni ist Pride Month – nicht nur ein Monat zum Feiern, sondern auch zum Erinnern

Es ist Juni und damit „Pride Month“. Es ist der Monat, in dem sämtliche Firmen und Großunternehmen feststellen, dass sie in der Lage dazu sind, ihre Social-Media-Profilbilder zu ändern und ihr Logo in den Farben des Regenbogens einzufärben. Ob sich diese Unternehmen auch für die queere Community einsetzen ist dabei völlig irrelevant. Darum geht‘s ja im Pride Month auch nicht. Oder etwa doch?

Einige behaupten gar, während des Pride Month und beim Christopher Street Day ginge es nicht ausschließlich ums Feiern! Aber um was dann? Vielleicht auch um das Erinnern. Erinnern an Kämpfe, die die queere Community austragen musste, um sich gegen Unterdrückung und Repression zu wehren. Zentral dabei waren die Stonewall Riots im Jahr 1969, in deren Folge Bars und Clubs, die Anlaufstelle für ein schwules, lesbisches und transidentes Publikum waren, sich weniger mit Polizeirazzien auseinandersetzen mussten. Die primär von Schwarzen und Homosexuellen illegal in verlassenen Industriegebäuden veranstalteten Underground-Disco-Partys fanden so ihren Weg in die Legalität und Disco als Genre den Weg in den Mainstream. Doch die Partystimmung hielt nur einige Jahre an.

Eine Epidemie und das Ende der Freizügigkeit

In den Achtzigern begann sich auch in den USA ein Virus auszubreiten, das zunächst als GRID (Gay Related Immune Deficiency) bezeichnet wurde – weil es vor allem schwule Männer waren, die sich ansteckten – und heute als HIV bekannt ist.

Barbie Breakout ist Dragqueen, Podcasterin und HIV-Aktivistin. „Meine am wenigsten geklickten Podcasts sind die zum Thema HIV und AIDS. Ein Teil, der das erlebt hat, möchte dieses Generationstrauma vergessen. Und die jüngere Generation weiß es oft nicht. Es ist kein entertaining Thema, kein leichtes Thema, kein einfaches Thema“, sagt sie. Relevant ist das Thema, auch wenn die HIV-Diagnose heute mit Zugang zu Medikamenten kein Todesurteil mehr ist, trotzdem. Auch in Popkultur und Popmusik hat die Epidemie spuren hinterlassen. Das bekannteste Beispiel ist wohl Freddie Mercury. Er starb im Jahr 1991 an AIDS, einen Tag, nach dem er seine Erkrankung öffentlich machte.

Bereits im Jahr 1988 starb „Queen Of Disco“ Sylvester an der Krankheit, die sicherlich auch ihren Anteil am Niedergang der Disco-Ära hatte. Freizügigkeit, Sexualität und Promiskuität waren in Folge des sich rasch ausbreitenden Virus, vor allem von der weißen und heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft nicht mehr gerne gesehen und fanden nun wieder vermehrt abseits des Mainstreams statt.

Bands wie Dead Or Alive, deren Karriere Anfang der Achtziger begann, konnten mit eindeutig sexuellen Titeln wie „Brand New Lover“ nicht mehr punkten. Künstler wie Boy George beispielsweise versuchten das Thema Sex in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Er würde lieber eine Tasse Tee trinken, als Sex zu haben, sagte das ehemalige Mitglied von Culture Club 1982 in einem Interview. Erst 2007 widerrief er die Aussage. Er habe zu der Zeit viel Sex gehabt, glaubte allerdings, diese Tatsache von der Öffentlichkeit und seinen Fans fernhalten zu müssen.

„Ich glaube schon, dass all das, was queer konnotiert war, also auch Wave und New Romantic, war im Mainstream erst einmal schwierig und musste sauberer werden. Auch Leute wie das Musikproduzententeam Stock Aitken Waterman, die viele queere Artists wie z. B. Divine produziert haben, haben dann umgesattelt auf ihre Kylies und Rick Astleys“, fasst Barbie Breakout diese Entwicklung zusammen.

Kollektives Trauma

Auch das durch die AIDS bedingten Tode verursachte kollektive Trauma schlug sich in der Musik nieder. „But there ain’t no Harry and no Virgin Mary/ You won’t hear those voices again/ And Johnny Rio and Rotten Rita/ You’ll never see those faces again/ This Halloween is something to be sure/ Especially to be here without you“, singt Lou Reed in dem Song „Halloween Parade“. Er beschreibt, was er sieht wenn er auf die Pride-Parade in New York schaut, beziehungsweise das, was er nicht mehr sieht. Die Gesichter derer, die an AIDS gestorben sind. Durchaus drastischer formulierte das im Jahr 1996 der Wu-Tang Clan. Im Track „America“ heißt es: „AIDS kills, word up respect this, yo/ Coming from the Wu, it’s real/ AIDS kills, word up respect this, yo/ Coming from my crew, it’s real.“

Ob die Coronapandemie denn für Künstler*innen auch etwas Positives gebracht hätte, wird in Interviews häufiger gefragt. Im Bezug auf die AIDS-Krise wäre diese Frage noch zynischer. Zwar waren viele Künstlerinnen und vor allem Künstler produktiver, doch generierte sich dieser Schaffensdruck primär aus der Tatsache, dass der Tod ständig um sie herum war. Und hier kann man dann vielleicht doch noch einmal auf Freddie Mercury zurückkommen. Denn dass die letzten Songs, die er schrieb, Titel wie „I´m Going Slightly Mad“, „These Are The Days Of Our Lives“ oder „The Show Must Go On“ waren, ist sicher kein Zufall. Und vielleicht auch nicht, dass es die elektronische Musik war, die bald ihre Erfolge feierte, oft ganz ohne Text auskam und die Menschen trotzdem zum Tanzen brachte. Auf ganz andere Art allerdings als es die großen Hymnen à la „I Will Survive“ und Co. es taten.

Wenn Ihr mehr zu diesem Thema hören wollt, dann schaltet am 19. Juni 2022 um 13 Uhr zum Container „Zwischen Disco und House – Der Einfluss der AIDS-Krise auf die Popmusik der 80er und 90er“ ein.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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