Album der Woche: Milosh – "Jetlag"

Milosh - JetlagWeb: milosh.bandcamp.com
Label: Deadly

„Jetlag is an expression of my deep love for my wife, my happiness and excitement for a new place in my life, my sadness or fear of stepping out of my old life … Jetlag is about dancing between two worlds simultaneously, learning about myself through the process and ultimately making a choice to be with someone, to fully commit to that life even though it’s on the other side of the world.“

Michael Milosh, als Künstler schlicht Milosh genannt, veröffentlicht mit „Jetlag“ sein inzwischen viertes Studioalbum. Der aktuell in Los Angeles lebende Elektro-Musiker debütierte vor knapp zehn Jahren mit „You Make Me Feel“. Und große Gefühle zeigt er uns auch auf dem neuen, zehn Tracks umfassenden Album.

Es war ein turbulentes Jahr für den aus Kanada stammenden Musiker. Zusammen mit Robin Hannibal, Teil des dänischen Duos Quadron, warf Milosh im März 2013 eine Platte mit dem Namen „Woman“ auf den Markt. Die neue Formation nennt sich Rhye und entzückt Kritiker auf der ganzen Welt. Im Vorfeld gab es Spekulationen, ob es sich bei den Vocals um eine Sängerin oder einen Sänger handelt, was nicht zuletzt an Miloshs androgyner Stimme und der bewussten Geheimhaltung von Infos über die beiden Musiker lag. Der Titel des neuen Soloalbums „Jetlag“ unterstreicht das hektische Jahr von Milosh, der laut eigener Aussage über 40 verschiedene Orte rund um den Globus bereisen muesste, um beide Projekte realisieren zu können.

Grund dafür war auch seine Frau, die Schauspielerin Alexa Nikolas, für die Milosh nach Los Angeles zog. Sie war konkret am Entstehungsprozess von „Jetlag“ beteiligt, und etwas überschwänglich formuliert repräsentiert das Album die Liebesbeziehung zwischen Milosh und Alexa. Nun ist es nichts grundlegend Neues, dass Liebe als Thema für ein Musikalbum herhalten muss – aber Milosh bringt das Sujet auf eine neue, private Ebene. Die Texte gleichen einem intimen Einblick in das Tagebuch und in die Gedanken des Künstlers. An vielen Stellen fühlt man sich beinahe voyeuristisch, etwa bei dem Track „Skipping“: „Our bodies collide and come alive. You turn me on – feel me through you.“ Diese unterschwellig-leidenschaftlichen Andeutungen finden sich an vielen Stellen. Aber auch das obligatorische Zweifeln an sich und der eigenen Beziehung ist ein Inhalt in Miloshs Musik. So beginnt der Opener mit den Zeilen: „Do you want what I want? Do you need what I need?“

Die Instrumentierung der einzelnen Songs ist schlicht gehalten – es gibt viele Loops, viel Hall, viele Samples: Smoother Electro-R-’n’-B wie bei „Hear In You“ und „Water“ hüllt den Zuhörer in eine hypnotische Soundhülle, der man sich zwangsläufig ergeben muss. Nicht nur Synthies kommen als Instrumente zum Einsatz: Ein Teil der Percussion im ersten Track besteht aus Miloshs Trommeln auf Alexas Bauch. Und Klavier und Marimba sorgen bei „Stakes Ain’t High“ für eine angenehme Abwechslung von der gewohnten Synthie- und Beat-Kombination. Aber das Highlight des Albums ist nicht die Instrumentierung, sondern Miloshs größte musikalische Gabe: seine eigene Stimme. Mehrspurig und mehrstimmig windet sich das treibende Element der Songs seinen Weg durch die Arrangements. Besonders beeindruckend ist dieses Phänomen bei dem Titel „Hold Me“ zu erleben: Miloshs hohe, sphärische Stimme scheint sich mit den Synthies zu vereinen, bricht dann wieder aus und geht ihrer eigenen Tonfolge nach. Diese Stimme sucht sich ihren eigenen Pfad durch die Songs und kann auf den Hörer mal wunderschön, mal verstörend und dann wieder extrem melancholisch wirken. Das Video zu „Slow Down“, dem emotionalsten und ruhigsten Stück, zeigt die Reaktion von Alexa Nikolas auf den Song während einer Autofahrt und ihre Gefühle rangieren von Freudentränen bis hin zu ungebändigtem Schluchzen. Und als Zuhörer und Zuschauer versteht man diese Reaktion und stellt paradox fest: Miloshs Musik ist traurig und wunderschön zugleich. Noch eine Gabe, die nur sehr wenige Künstler beherrschen.

Bemerkenswert zeigt Milosh mit seinem vierten Album, wie abwechslungsreich der Versuch klingt, den Soundtrack für die eigene Beziehung zu schreiben. „I wanted each song to have its own world.“ Welten, die den Hörer entführen und ihn das Wesen von Liebesbeziehungen und allen zugehörigen Emotionen bis ins Detail reflektieren lassen. Es ist vielleicht nicht Liebe auf den ersten Blick, es braucht Zeit, bis man Miloshs Sound verinnerlicht hat. Aber nach mehrmaligem Hören wird ersichtlich, wie innig die Gefühle zu seiner Frau sind – und welch ausdrucksstarkes Meisterwerk der Musiker mit „Jetlag“ erschaffen hat.

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