Baxter Dury – „The Night Chancers“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 16. März 2020

Bild des Albumcovers „The Night Chancers“ von Baxter Dury

Baxter Dury – „The Night Chancers“ (PIAS Le Label)

Baxter Dury eröffnet sein sechstes Studioalbum mit diesen Worten: „I am not your fucking friend.“ Er beendet es mit diesen: „Baxter loves you.“ Erst hält der britische Musiker einen auf mehrere Armlängen Abstand. Dann wird man umarmt.

Was sich auf dem Papier nahezu bipolar liest, ergibt in Durys musikalischem Kosmos durchaus Sinn. Schon sein letztes Album „Prince Of Tears“ zeigte ihn als Meister der Ambivalenz, der mit ansteckender Lässigkeit zwischen Schlammloch-Poesie und Orchester-Glanz balancierte. Mit einem Bein in einer üblen Südlondoner Kaschemme, mit dem anderen im feinen Konzerthaus.

Doch Baxter Dury ist keineswegs Dein Freund. Die meiste Zeit verwendet er seine im starken Cockney-Akzent getränkten Silben dazu, so viel Gift wie möglich auszuspucken. Gegen oberflächliche Fashion-Blogger, verzweifelte Alpha-Männchen, Social-Media-Voyeure. Und gegen Carlas neuen Boyfriend und seine unfassbar hässlichen Hosen. Gab Dury sich auf „Prince Of Tears“ noch als unantastbarer „Mr. Maserati“, ist er auf „The Night Chancers“ deutlich verletzlicher. Manchmal tritt er mit seinen arroganten Takedowns wild um sich, wie ein verwundetes Tier. Es kann kein Zufall sein, dass im Titeltrack ein Hund bellt.

Glorreich verlottert

Musikalisch ist „The Night Chancers“ keine wirkliche Neuentwicklung. Dury hat immer noch ein großes Talent dafür, die schmierigsten Basslines Englands zu finden – nur um sie mit edlen Streicher-Ornamenten und Chor-Arrangements zu verbinden. War diese Kombination auf „Prince Of Tears“ noch eine schöne Seltsamkeit, erschließt sie sich zusammen mit Durys neuer Verwundbarkeit komplett. Die selbstzerstörerische Melancholie, die durch seinen Swagger durchscheint, ist genauso herzzerreißend wie die getragenen Geigen, die in „Daylight“ den Himmel aufreißen. Selbst wenn die Streicher gut gelaunt daherkommen, wie im abschließenden „Say Nothing“, tagträumt Dury davon, von einem Auto überrollt zu werden.

Die besten Momente des Albums klingen aber nicht selbstzerstörerisch, sondern mehr wie eine verzweifelte Party. Wenn der Tränenprinz seine Trauer herunterschluckt, seine Streicher Disco-Salven aus der Frank-Farian-Schule spielen lässt und sich in seinem glorreich verlotterten Sound badet. Wenn er in „Sleep People“ sein „Yeeeah“ herrliche fünf Sekunden lang streckt. Dann geht ein Schmunzeln durch seine Stimme – und die Ambivalenz verwandelt sich in Melancholie überwindende Euphorie. Baxter Dury mag vielleicht nicht Dein Freund sein. Er liebt Dich aber trotzdem.

Veröffentlichung: 20. März 2020
Label: PIAS Le Label

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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