Avocado-Burger, Paneltalk und Yoga-Kurs oder: die Gentrifizierung der Festivals

Foto einer Frau auf einem Festivalgelände, die die Arme in die Luft wirft

Alle happy! Auf dem Festivalgelände haben in den vergangenen Jahren Selfcare und Selbstoptimierung Einzug gehalten

Ein Wochenende lang dem Alltag entfliehen. Für Menschen, die Musik mögen, bieten Festivals dazu die optimale Möglichkeit. Für Menschen, die keine Musik mögen, befindet sich ein Trip nach Malle im ähnlichen Preissegment.

Dem Festivalbesuch allerdings geht, auch von Besucher*innenseite, ein wenig Organisation voraus, nicht nur hinsichtlich der Nahrungs- und Getränkebeschaffung. Es gilt, möglichst viele Bands zu sehen und vor allem die favorisierten Acts unter einen Hut zu bringen. Seit geraumer Zeit allerdings ist es nicht mehr nur das musikalische Line-up, das seinen Platz im Festivalprogramm findet. Erweitert wurde das Ganze mit Yogakursen, Lesungen und dem 150. Paneltalk, der sich darum dreht, warum Frauen auf Festivalbühnen unterrepräsentiert sind. (Antwort: Sie werden zu wenig gebucht. Lösung: Bucht mehr weibliche Acts.)

Selbstoptimierung im Festivalmatsch

Zwar zwingt das in den vergangenen Jahren gewachsene Überangebot an Festivals die Veranstalter*innen dazu, den Festivalbesuch attraktiver zu gestalten, doch ließe sich das ja vielleicht auch durch ein diverseres, nicht immer dieselben Acts umfassendes Line-up lösen. Lange schienen Festivals als Ort und Zeit abseits von Arbeit und Alltag, doch war es nur eine Frage der Zeit, bis gesellschaftliche Phänomene aus der Welt abseits von Zeltplatz und Dosenbier hier Einzug halten würden.

Eines dieser Phänomene: FOMO – „Fear Of Missing Out“. Also die Angst davor, Dinge zu verpassen. Eine Angst, die sich primär daraus speist, dass Menschen trotz eines Überangebots an Entertainment und Veranstaltungen immer noch nicht in der Lage dazu sind, sich an mehr als einem Ort gleichzeitig aufzuhalten. Sekundär mag diese Angst in dem permanenten Streben nach Selbstoptimierung begründet liegen. Es gilt also, sich noch ordentlich zu bilden, um sich anschließend die Berechtigung zu erteilen, ein Konzert genießen zu können. Und wenn man sich schon nicht weiterbildet, dann doch wenigstens ein bisschen Yoga machen, von wegen Selfcare. Aber auch, damit man nach drei Nächten auf der Isomatte am Montag wieder fit ist, um im Büro abzuliefern.

Nutriscore Z vs. Superfoodtrucks

Dass man sich auf Festivals auch äußerlich nicht mehr gehen lassen darf, belegen Social-Media-Accounts, die nach dem Festivalwochenende Foto-Beiträge à la „Das waren die zehn schönsten Menschen auf dem XY-Festival“ veröffentlichen. Generell wundert man sich ja nur noch über wenig. Darüber, dass dieselben Plattformen dann auch Fotostrecken unter dem Titel „Die besten Plakate von Demo XY“ posten, schon gar nicht.

Auch der Geruch von Dixi-Toiletten mag also die Nebenwirkungen des Neoliberalismus nicht davon abhalten, auf dem Festivalgelände Einzug zu halten. Wobei die Dixis ja langsam aber sicher den Sägespan-Toiletten weichen, damit man endlich auch die letzten Bereiche des Menschseins optimiert hat. Großartig. Denn unprätentiöse Burger und Pommes oder sonstiges Essen der Kategorie „Nutriscore Z“ sind ja schon längst dem Superfood aus Superfoodtrucks gewichen.

Und während man beobachtet, wie Hände, gehüllt in schwarze Einweghandschuhe, Burger mit Avocados belegen, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Verdammt, die haben Festivals gentrifiziert! Vielleicht also doch lieber Malle?

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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