Konzertbericht: Noel Gallagher im Palladium, Köln, am 04. Dezember

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Tatort zweite Reihe, Palladium Köln, es spielt die Vorband The Electric Soft Parade. Meine Freundin (1,56 m) und ich stehen so, dass sie etwas sehen kann, und ich anderen nicht im Weg stehe. Alle sind gut gelaunt, ebenfalls die anderen Konzertbesucher neben uns – noch. Sehr brüsk drängelt sich eine Frau (ca. 1,75 m) vor uns – kein Problem für mich, allerdings schon eines für die Freundin plus die anderen etwa gleich großen Mädels, hier in der Mädelsecke. Ein freundlicher Hinweis wird mit „Don’t touch me, you fuck“ quittiert. Die Mädelsecke guckt sich zum einen entsetzt, zum anderen verwundert an – muss diese Feindseligkeit sein, wohlgemerkt auf freundlichen Hinweis?

Es geht weiter: Nachdem The Electric Soft Parade verhalten angefangen, aber nach einem insgesamt tollen Set furios aufgehört haben, geben sich nun Noel Gallagher und seine High Flying Birds endlich die Ehre. Es wird gejubelt! Ein Zucken geht durch dutzende Arme: Die Smartphones werden gezückt. Noch bevor der Mann aus Manchester irgendwas machen kann, glotzt die Masse stumpf durch das Display von Digitalkamera, iPhone, HTC und Co., fängt an, Bildchen zu machen und zu filmen. Die Display-Arme werden den ganzen Abend über nicht verschwinden.

Erstens: Ein, zwei Bildchen als Erinnerung für zu Hause sind okay. Für alles andere ist der Fotograben da. Zweitens: Mit ebenjenen Geräten kann man keine vernünftigen Filmaufnahmen machen. Die verwackelten Aufnahmen sind spätestens dann endgültig schrott, wenn der Bass einsetzt. Wer es mir nicht glaubt und ein iPhone-Video bei YouTube kennt, was auch nur ansatzweise akzeptabel ist, schreibt mir bitteschön eine E-Mail. Drittens: Wofür zahle ich 31 Euro und gucke dann nicht auf die Bühne, sondern auf ein drei Zoll großes Stück Plastik? Viertens: Noel hasst iPhones (Zitat Interview 14.9.2011: „I hate iPhones.“). Enough said, oder?

Wenn die etwaigen „professionellen“ Gerätschaften in den Taschen verschwunden sind, wird unrhytmischst (Wortneuschöpfung) mitgeklatscht. Und das an den teilweise unmöglichsten Stellen. Eine Anmerkung meinerseits: Bei den Flippers wird auch geklatscht, genau in der Form. Nichts gegen „Die rote Sonne von Barbados“, aber ich glaube, lieber Leser, Du weißt, worauf ich hinaus will. Zwischen klatschen, Fotos machen, filmen, verkehrt mitsingen (ein weiterer Hinweis auf die Flippers) lockt der Getränkestand. Kein Problem, auch ich bin gelegentlich durstig. Dennoch: In manchen Kreisen (also allen außer Höhlenkonzerten) entschuldigt man sich, wenn man mehrfach mit seinen drei Bechern Bier andere Konzertbesucher umlatscht. Und guckt dann nicht dämlich aus der Wäsche, wenn man darauf hingewiesen wird.

Ich glaube, jetzt habe ich mich wieder einigermaßen beruhigt, ich bitte zutiefst um Entschuldigung, zwingt mich bitte nie wieder, den Moralapostel zu machen. Wie war das Konzert, das allererste in Deutschland von Noel Gallagher’s High Flying Birds? Die Antwort: Großartig. Und das objektiv betrachtet, abseits der Tatsache, dass Oasis nun mal eines meiner liebsten Forschungsobjekte war und ist und ich an diesem Abend im Palladium genügend Gründe für schlechte Laune gehabt hätte.

Im ewigen Vergleich zur Oasis-Nachfolgeband des anderen Gallagher-Bruders Liam hat Noel ihn in allen Bereichen geschlagen: Das bessere Album, die besseren Songs – und vor allem die bessere Live-Show. Ja, Noel spielt im Gegensatz zu Beady Eye auch Oasis-Songs. Aber er bringt alle Songs sehr authentisch, gefühlvoll und schlicht besser auf die Bühne. Die vermeintlich schlechtere (weil schwächere) Stimme des älteren Gallaghers: Sie erscheint heute Abend kraftvoll, gefühlvoll – und vor allem technisch gut gesungen. Neben den besseren Songs im Repertoire hat Noel aber den wahrscheinlich wichtigsten Vorteil gegenüber Beady Eye: Er war das Herz, die Seele bei Oasis, der Schöpfer der Songs. Die Fans vergöttern ihn. Das Palladium hat sowohl bei den neuen, ja, Hits wie „If I Had A Gun“ oder dem heimlichen Disco-Song „AKA… What A Life!“ erstaunlich textsicher mitgesungen (bis auf die erwähnten Pfeifen aus Absatz vier), und alte Klassiker wie „Supersonic“ und „Don’t Look Back In Anger“ wie zu Oasis-Zeiten mitgegrölt.

Hier spreche ich jetzt nicht als Fan, sondern als nüchterner Betrachter: Alleine die Art und Weise, wie Noel Gallagher vorgestern „Wonderwall“ ganz alleine gesungen und gespielt hat, zeigt, dass er der „bessere“ Gallagher ist. Nach 16 Jahren so eine gefühlvolle Version zum Besten zu geben: Chapeau. Den lakonischen Kommentar auf einen nervigen Fan, der sich ebenjenen Song eine Dreiviertelstunde lang lautstark gewünscht hatte: „This one is NOT for you.“ Ein Abend, der Lust auf mehr macht, viel mehr. Wenn sich denn alle benehmen.

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