Neue Platten: Ganglians – „Still Living“

Wer? Ganglians, das sind vier Musiker aus Kalifornien, die nur allzu oft mit den Beach Boys in Verbindung gebracht werden. Ob dieser Vergleich nun an der örtlichen Nähe zwischen den Bands liegt oder an den gesanglichen Ähnlichkeiten beider (mehrstimmige Einlagen die mit Tonhöhe spielen) bleibt rätselhaft (und plakativ). Generell haben die Ganglians auf ihrem zweiten Album „Still Living“ einfach wenig mit den Beach Boys gemeinsam. Vielmehr handelt es sich um eine Kombo die gitarrenlastigen Sounds mit mehrstimmigem Gesang verbindet.

Was? Tak. Tak. Tak. Immer. Schön. Mit. Dem. Takt. Wenn so das Noch-Leben ist, dann herzlichen Dank. „Still Living“ ist ein Album, bei dem alles ganz geradlinig und akkurat geordnet scheint. Der Gesang passt sich exakt dem schwer lastenden Takt an, die Gitarre wird perfekt in Abstimmung mit dem Gesang eingesetzt, jede Note fügt sich ein ins Partituren-Biotop, kein noch so kleiner Ton steht allein. Bei so opulent arrangierten Songs muss der Kopf automatisch mitwippen. Wobei wippen noch viel zu leicht klingt. Die Schwere der Songs überträgt sich beinahe physisch auf den eigenen Körper. Der Kopf wird schwer, die Gedanken werden schwer, eine Art Lethargie macht sich breit. Selbstverständlich ordnet sich der mehrstimmige chorartige Gesang der schwerfälligen Stimmung unter (zum Beispiel in „Sleep“ oder in „That’s What I Want“).
Bei so viel Korrektheit kommt beinahe Langeweile auf. Doch, als hätten sie es geahnt, warten die Ganglians ab der Hälfte des Albums plötzlich mit fröhlich anmutenden Songs auf, die mit instrumentalen Variationen und Taktwechseln spielen und die nahezu abhanden gekommene Aufmerksamkeit zurück befördern. Von dem abrupten Stimmungswechsel überrascht, neigt man fast dazu der Langenweile ihre Berechtigung abzusprechen. Doch wird spätestens nach „Things To Know“ klar, dass auch der zweite Teil von „Still Living“ zu dem ganzheitlichen Geflecht des Albums gehört.

Warum? Weil „Still Living“ ein Album zum Spielen ist. Nennen wir das Spiel „Hör-In-Die-Zukunft“. Prinzip: Erahne, was als nächstes passiert. Das Album bietet die perfekte Plattform für dieses Spiel. Bei jedem Song lässt sich erahnen, was im kommenden Takt passieren wird. Voraussehbare Riffs und Gesangseinsätze bilden die Grundlage. Versuchte Variationen verlaufen schnell im Partituren-Biotop-Sand und wiederholen sich nur allzu schnell. Aber: mit ein bisschen Spieltrieb wirkt die Platte gar nicht mehr so langweilig.

Label: Souterrain Transmissions | Kaufen

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