Roberta Flack – „First Take“ wird 50 Jahre alt

Cover des Albums „First Take“ der US-Musikerin Roberta Flack

Roberta Flack – „First Take“ (Atlantic)

Dass Roberta Cleopatra Flack die globale Soul-Sensation geworden ist, hat sie im Grunde genommen einem Nebenjob zu verdenken. Lange war die Sängerin und Pianistin aus North Carolina auf die klassische Musik fokussiert. Mit 15 Jahren bekam die hochbegabte Instrumentalistin als eine der jüngsten MusikerInnen überhaupt ein Vollstipendium für die renommierte Howard University in Washington, D.C., wo sie jedoch bald vom Piano zum Gesang wechselte, mit einem Fokus auf die Oper.

Doch Flack wurde keine Opernsängerin. Im Alter von 19 Jahren, kurz nach ihrem Abschluss, starb ihr Vater. Statt eine kräftezehrende Karriere als Opern-Diva anzustreben, nahm sie einen weniger prestigeträchtigen, dafür lukrativen Job als Englisch- und Musik-Lehrerin an. Nebenbei begleitete sie Opern-SängerInnen am Piano in einem Nachtclub. In den Pausen sang und spielte sie selbst zum Spaß Blues- und Folk-Standards. Diese Performances sollten die der Haupt-Acts bald überschatten. 1968 begann sie, regelmäßig im Washingtoner Restaurant Mr. Henrys aufzutreten, wo sie dreimal die Woche vor begeistertem Publikum auftrat – und von einem Manager von Atlantic Records entdeckt wurde. Ein Jahr später veröffentlichte sie ihr Debütalbum „First Take“ – das heute, am 20. Juni 2019, 50 Jahre alt wird.

Impressionistische Jazz-Folk-Gemälde

Der Name „First Take“ war dabei programmatisch: Flack hatte diese acht Songs bereits unzählige Male gespielt, kannte sie in und auswendig – und spielte das gesamte Album in nur zehn Stunden ein. KritikerInnen warfen ihr zur Zeit der Veröffentlichung perfektionistisches, seelenloses Spiel vor – was möglicherweise an ihrer allgemein bekannten klassischen Ausbildung lag. Anders kann man sich diese Kritik nicht erklären – Flack hatte zwar nicht die unbändige Kraft einer Aretha Franklin, dafür beeindrucken ihre feinfühligen, minimalistischen Arrangements auch heute noch.

„First Take“ ist dementsprechend keine zum Tanz einladende Soul-Party, sondern eine Sammlung von acht impressionistischen Jazz-Folk-Gemälden. Den weichen Funk-Opener „Compared To What“ singt Flack wie auf Zehenspitzen, elegant und mit der exakt richtigen Menge Druck versehen. Das auf spanisch gesungene „Angelitos Negritos“ ist ein siebenminütiges Mini-Epos, in dem keine Sekunde verschwendet und jede Silbe mit sanfter Dramatik aufgeladen wird. Leonard Cohens, im Original extrem minimalistisches, „Hey, That‘s No Way To Say Goodbye“ garniert sie mit Streichquartett und Flamenco-Gitarre – die jedoch kein kitischiger Ballast, sondern geschmackvolle Farbtupfer sind, aufgetragen mit feinem Pinselstrich.

Und dann gibt es da noch „The First Time Ever I Saw Your Face“. Eine Folk-Ballade in Zeitlupe, in der Flack Silben bis in die Ewigkeit streckt – und dabei eine emotionale Zerbrechlichkeit offenbart, die man nicht studieren, nicht an einer Universität lernen kann. Pure, zeitlose Sinnlichkeit, bei der man auch 50 Jahre später Gänsehaut bekommt. Und obwohl Flack eine kleine Sensation in ihrer Heimatstadt war, verkaufte sich „First Take“ zunächst nur moderat. 1971 verwendete Clint Eastwood „The First Time Ever I Saw Your Face“ in seinem Regiedebüt „Sadistico“ – und verhalf Flack zu einem verspäteten Nr.-1-Hit. Wenig später veröffentlichte Roberta Flack „Killing Me Softly“ – mit dem sie endgültig in den Soul-Olymp aufstieg.

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