Zum 40. Geburtstag von Richard D. James alias Aphex Twin


Auch Wunderkinder werden 40.
Am 18.08. ist das bei Richard D. James der Fall. James, am besten bekannt unter seinem Pseudonym Aphex Twin, ist einer der einflussreichsten Elektronik-Künstler der letzten 20 Jahre und zu seinem Geburtstag natürlich eine School Of Rock wert, analoge Blubberbäder und digital geleckte Fenster inklusive.

In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden um Richard D. James. Seit „Drukqs“ von 2001 hat er kein reguläres Album herausgebracht und seine letzten offiziellen Neu-Veröffentlichungen, die „Analord“ EP-Reihe, liegt auch schon über fünf Jahre zurück. Doch in den 1990er war James (unter den Namen Aphex Twin, AFX und zahlreichen anderen Pseudonymen) sowohl extrem produktiv als auch einflussreich. Vielen gilt er als einer der bedeutendsten Techno-Künstler – und das, obwohl seine Musik fern der massentauglichen Rave-Sounds stattfindet.
Wenn James dann doch vor den Massen steht, wie diesen Sommer als DJ beim Sonar Festival, verstört er sein Publikum durch gleichsam schlichte Auftritte (in Barcelona wie oft völlig unbewegt, nur mit einem Laptop, umgeben von Videowänden) und komplexe Musik, die mit abrupten Rhythmuswechseln, Sprüngen und extremer Soundpalette jedwede Trancetanz-Seeligkeit unterbindet.
Richard James ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmekünstler.

Ende der 1980er verändert sich der gesamte Referenzrahmen der englischen Clubwelt. Die Verbindung von Ecstasy und House Musik wird zum Unterhaltungsformat, das sich auf Jahre als unschlagbar erweist und als Bewegung schnell Fahrt aufnimmt. Acid House und Techno entstehen. In Cornwall beginnt ein junger Elektronik-Nerd zu DJen. Mit seinem Partner Tom Middleton nimmt Richard James auch seine erste „Analogue Bubblebath“ Platte auf, bevor man getrennte Wege geht.
1991 erscheint dieses Aphex Twin Debut und die ungewöhnliche Klangwelt der „Analogue Bubblebath“ Reihe, vor allem aber der radikale Sound der Single „Digeridoo“ verschaffen James viel Aufmerksamkeit. Als er mit „Selected Ambient Works 1985 – 1992“ ein Album veröffentlicht, das sofort als Klassiker des neuen Genres Ambient-Techno gefeiert wird, ist Aphex Twin bereits zum Star der Techno-Welt geworden.
Der Mythos um Richard D. James beginnt und sein Spiel mit den Identitäten ebenfalls.
Als Mozart auf MDMA wird der 20jährige gefeiert, der angeblich schon 1000 Stücke Musik produziert hat und sich als musikalisch Hochbegabter zeigt, der ungeahnte melodiös-harmonische und rhythmische Komplexität in seinen Hardcore Sound einbringen kann und parallel dem driftenden Bewusstsein der Chill-Out Jünger Trip-erweiternde Nahrung zuführt.
James wird zum Vorzeigekünstler der „Intelligent Dance Music“, der „Electronic Listening Music“ und gehört zum Kader des hierbei führend tätigen Labels Warp Records, während er nebenher das Label Rephlex gründet und betreibt.
James veröffentlich unter einer Vielzahl von Namen Platten (Blue Calx, Caustic Window, Polygon Window, GAK uvm.) , manche klar in der Acid House Tradition, andere längst auf dem eigenen musikalischen Weg, den ein frühes Info mal als Brain Dance klassifizierte.
James, der ehemalige Elektronik und Informatik Student, ist nicht nur Musiker und DJ sondern auch Soundforscher. Er sammelt, bearbeitet und benutzt Synthesizer und tritt live anfangs mit einem Arsenal von Schaltkreisen und Klangerzeugern auf, die er auf Touren teilweise verschleißt, was nicht zuletzt seine Ambitionen als Live-Act mindert.

James, dessen Musik ab den mittleren 90er Jahren eine digitale Phase durchläuft, prägt das Klangbild der Dekade. Er macht Musique concrète für das Zeitalter der digitalen Datenverarbeitung, instrumentalisiert das Mechanische, Maschinenhafte des computerisierten Musikmachens als Gestaltungsmotiv. Seine Sounds scheinen eine doppelte Trichterwirkung zu erzeugen: Das minimale Geräusch im Schaltkreis wird zum überlebensgroßen Soundereignis aufgeblasen und ganze Alben im granularsynthetischen Zeitraffer auf kürzestes Soundbytes verdichtet. Lesefehler des CD-Brenners werden zum arhythmischen Loop, schmutzig das neue interessant und falsch das neue besser. James interessiert sich für das Unheimliche, das Düstere. Er meißelt Klangmuster in das Narbengewebe des Trommelfells und schlägt aus den Fehlfunktionen der Klangerzeugung musikalische Wunden. Seine Tracks sind irreguläre Soundhacks, der Klang gecrackter Software, die Ästhetik inspiriert von Computerviren und Spammail. Aphex Twin verbindet neue Musik und Nasenbluten-Techno, Avant-Garde und das künstlerische Pendant eines Asthma-Anfalls, Kammermusik und Elektrosmog. Übersteuerte, verzerrte, sabotierte Clubsounds: Seine Kompositionen sind akustische Schlaglöcher auf dem Weg zum Systemabsturz, Rhythmusstörungen im Technopuls, kontra-natürlich und unterhalb jeden Industriestandards. Seine Musik ist genial, mitreißend, nervtötend, essenziell, redundant, virtuos, stumpf, präzise ausgestaltet und so überfrachtet wie dieser Absatz.
James bekundet, seine Musik in Klarträumen zu erschaffen, behauptet unter beabsichtigten Schlafentzug und Marihuana Hochdosierung zu arbeiten, erwähnt gerne synästhetische Erweckungserlebnisse auf Pilztrips. Er lässt sein Gesicht als zunehmend verfremdetes Motiv auf Covern und in Videos zur Fratze verzerren und ist wahrscheinlich niemals immer nur ernst zu nehmen.
Richard James ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmekünstler.

Mit seinen Alben „I Care Because You Do“ und „Richard D. James“, vor allem aber den Singles „Come To Daddy“ und „Windowlicker“ wird Aphex Twin zum Alternativ-Popstar der späten 90er, die dazugehörigen Videos von Chris Cunningham sind die beste Freakshow des ausgehenden MTV Zeitalters.
Der lange vor dem Film „Donnie Darko“ bereits Hasenkostüme bei seinen Performances einsetzende James entzieht sich dem möglichen Dasein als Celebrity-Act mit einem konsequenten Hakenschlag: Sein 2001er Album „Drukqs“ ist ein scheinbar unfertiges Gemisch aus Solo-Piano Bearbeitungen und Track-Fragmenten aus irgendeinem Winkel seiner Festplatte, gänzlich unkommerziell. In den folgenden zehn Jahren ist nicht mehr viel Neues gekommen, dafür viele Katalognachreichungen und Zusammenstellungen. 2005 erscheinen elf Vinyl EPs, die „Analord“ Reihe, die James wieder als ehernen Analogsound und Acid Vertreter hören lassen. Es gibt mit The Tuss ein Projekt, von dem zwei EPs auf Rephlex erschienen sind, das von vielen für sein aktuelles Pseudonym gehalten wird.
Aber die Funkpause könnte bald zu Ende sein. In einem Interview mit der Zeitschrift „Another Man“ vom Oktober letzen Jahres sagt James, er habe sechs Alben fertig. Doch das muss nichts heißen. Bei Warp wartet man seit Jahren auf das nächste schräge Ding aus dem Hause Aphex Twin.

Richard D James wird am 18.08. 2011 40 Jahre alt.
ByteFM gratuliert mit einer School Of Rock (Erstausstrahlung am Mittwoch, 17.08. um 23:00 Uhr, Wiederholung am Samstag, 20.08. um 17:00 Uhr).

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Rave News
    Aug 17, 2011 Reply

    News aus der Rave-Kultur…

    Zum 40. Geburtstag von Richard D. James alias Aphex Twin : ByteFM <b>…</b>…

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